Kunst in Quarantäne 2.0

Lovis Corinth (1858-1925)

Nelken, 1920
Gemälde
Moderne Galerie

 

"Im Jahr 1920 spürte ich eine befremdende, für andere jedoch wohl kaum bemerkbare Veränderung im Wesen Corinths. Und nach einiger Zeit war alles wieder wie sonst, die Wolken schienen vorübergezogen zu sein, aber die Sorge um ihn verlosch nie mehr ganz. Am Jahresbeginn entstand eine Reihe von Blumenbildern." (Charlotte Berend-Corinth)

Die Veränderung, die Charlotte Corinth in den letzten Lebensjahren Corinths bemerkte, hatte sicherlich viele Gründe. Da war sein seit 1911 prekärer Gesundheitszustand, da waren beständige Melancholien und Depressionen, die gegen Ende seines Lebens zunahmen, und schließlich bedrängte ihn der Zusammenbruch des Kaiserreiches infolge des verlorenen Ersten Weltkrieges. [...]

 

Wie eine Flucht in die Malerei mutet vor diesem Hintergrund sein umfangreiches Alterswerk an. In der Zeit von Corinths 60. Geburtstag 1918 bis zu seinem Tod 1925 entstanden nicht weniger als 250 Ölgemälde, mehr als 600 zum Teil mehrblättrige Graphikwerke sowie zahllose Aquarelle und Zeichnungen. Diese außergewöhnliche Produktivität traf auf eine ebenso große Nachfrage. "Es wurde niemals mehr verkauft als gerade nach dem Zusammenbruch. Es wurden einem förmlich die Bilder von der Staffelei gerissen, und niemals blühten die Ausstellungen im ganzen Deutschland mehr denn jetzt. Meine Produktionskraft war größer denn je", berichtete Corinth.

 

Vor allem waren es Walchenseelandschaften, die ihn beschäftigten, dann Portraits, Selbstbildnisse, schließlich Stillleben, darunter auch die "Nelken" des Saarland Museums.

Sie entstanden in Corinths Berliner Atelier in der Klopstockstraße 48 und sind, indem sie Corinths Altersstil aufweisen, weit mehr als harmlos-beschauliche Malerei. [...]

"Das Bild wird jetzt zu einem Farbkörper in eigenem Recht. Früher war die Farbe Darstellungsmittel, Medium gewesen. Jetzt wird die Substanz der Farbe als solche (als Kolorit und als Masse) zum reinen Organon seines Schaffenstriebs." [Hans Konrad Röthel]

Die Auflösung der Formen, die in Corinths späten Gemälden zu bemerken ist, korrespondiert mit einer Intensivierung des malerischen Gestus und verweist auf seinen körperlichen Verfall, auch auf das verzweifelte Aufbäumen gegen ihn.

(Ernst Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, 1999)

 

 

Begleitende Lyrik

Georg Trakl (1887-1914)

 

Georg Trakl, 1887 in Salzburg geboren und 1914 in einem Krakauer Militärhospital im Alter von 27 Jahren gestorben, gehört zu den bedeutenden Lyrikern des Expressionismus. Der an Drepessionen  leidende Trakl hat sein letztes Gedicht "Gródek" nach eben dieser Schlacht im September 1914 benannt, das bereits wenige Wochen danach in der Zeitschrift "Der Brenner" veröffentlicht wurde und zu seinen bedeutendsten Gedichten gehört.

 

Das Gedicht "Melancholie" entstammt der Sammlung "Gedichte" (1913), seine einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Publikation im Kurt Wolff Verlag in der Reihe "Der jüngste Tag" (Bd. 7/8).

 

 

Melancholie

 

Bläuliche Schatten. O ihr dunklen Augen,

Die lang mich anschaun in Vorübergleiten.
Guitarrenklänge sanft den Herbst begleiten
Im Garten, aufgelöst in braunen Laugen.
Des Todes ernste Düsternis bereiten
Nymphische Hände, an roten Brüsten saugen
Verfallne Lippen und in schwarzen Laugen
Des Sonnenjünglings feuchte Locken gleiten.