Claude Monet (1840-1926)

Der Hafen von Honfleur, 1917
Gemälde
Moderne Galerie

 

Im Herbst 1917 unterbrach Monet seine Arbeit an den großen Wandtafeln, die Motive seines Seerosenteiches in Giverny verwenden und heute in der Orangerie in Paris zu sehen sind, und unternahm eine kurze Reise in die Normandie, suchte Orte auf, die ihm seit seiner Kindheit vertraut waren: Honfleur, Le Havre, Etretat, Yport, Pourville, Dieppe. Auf dieser Reise in der zweiten Oktoberhälfte malte er die Ansicht der alten Festung und Hafenstadt Honfleur, mit den schiefergedeckten Häusern um das Vieux Bassin, der Lieutenance, dem ehemaligen Sitz des königlichen Gouverneurs aus dem 16. Jahrhundert, und dem Turm der Kirche Ste.-Catherine.

Im Hintergrund erscheinen die Höhen des Mont-Joli und der Cote de Grace.

 

Das Gemälde hat - während einer kurzen Reise gemalt - skizzenhaft flüchtigen Charakter, gleichwohl fängt es etwas von der Atmosphäre einer ehemals bedeutenden, inzwischen jedoch vergessenen nördlichen Hafenstadt ein.

 

Eine weitere offensichtlich zur gleichen Zeit gemalte Ansicht Honfleurs befindet sich heute im Musée Marmottan in Paris.

(Ernst Gerhard Güse, in: Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

 

Direktor Dr. Rudolf Bornschein erwarb das Gemälde 1955 aus dem Kunsthandel.

 

 

Begleitende Lyrik

Arthur Rimbaud (1854 -1891)

 

Arthur Rimbaud, das Enfant terrible der französischen Literatur des 19. Jahrhundert, wurde 1854 in Charleville geboren und schlug sich bereits als 16-jähriger mittellos nach Paris durch, wo er u.a. mit Paul Verlaine in Kontakt kam und schließlich auch ein sexuelles Verhältnis hatte. Zu seinen Hauptwerken zählt sein im Spätsommer 1871 entstandenes Langgedicht „Le bateau ivre“ (Das trunkene Schiff).

 

Obgleich das Gedicht bis Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts von mehreren renommierten Übersetzern vom Französischen ins Deutsche übertragen worden war, fügte Paul Celan im Sommer 1957 eine weitere hinzu.

 

In nur drei Tagen, vom 29. Juli bis 1. August, fertigte Celan die Übersetzung an und zählte sie zu seinen wichtigsten Arbeiten als Übersetzer: "Denken Sie: ich habe das ‚Bateau Ivre‘ übersetzt! In drei Tagen und es war ein ganz merkwürdiger Zustand. Und – nun, mein Stolz hält sich im Augenblick in meiner Nähe auf: es ist, auf Deutsch, das Bateau Ivre. Alles ist gewahrt, Wort, Gestimmtheit, Gestalt.“, wie Celan direkt nach Fertigstellung der Übersetzung am 1. August 1957 an Christoph Graf Schwerin,  Lektor beim S. Fischer Verlag, schrieb.

 

 

DAS TRUNKENE SCHIFF

(Auszug)

 

Hinab glitt ich die Flüsse, von träger Flut getragen,
da fühlte ich: es zogen die Treidler mich nicht mehr.
Sie waren, von Indianern ans Marterholz geschlagen,
ein Ziel an buntem Pfahle, Gejohle um sich her.

 

Ich scherte mich den Teufel um Männer und um Frachten;

wars flämisch Korn, wars Wolle, mir war es einerlei.
Vorbei war der Spektakel, den sie am Ufer machten,
hinunter gings die Flüsse, wohin, das stand mir frei.

 

Derweil die Tide, tobte und klatschte an den Dämmen,
flog ich, und es war Winter, wie Kinderhirne stumpf,
dahin. Und wär es möglich, daß jemals Inseln schwämmen,
kein solcher Gischt umbraust’ sie, kein ähnlicher Triumph.

 

Ein leichter Korken, tanzt ich dahin auf steiler Welle:
die erste Meerfahrt haben die Stürme benedeit.
Von solcher Welle heißt es, sie töte und sie fälle –
Die albernen Laternen der Häfen blieben weit!

 

So süß kann Kindermündern kein grüner Apfel schmecken,
wie mir das Wasser schmeckte, das grün durchs Holz mir drang.
Rein wuschs mich vom Gespeie und von den Blauweinflecken,
fort schleudert es das Steuer, der Draggen barst und sank.

 

Des Meers Gedicht! Jetzt konnt ich mich frei darin ergehen,
Grünhimmel trank ich, Sterne, taucht ein in milchigen Strahl
und konnt die Wasserleichen zur Tiefe gehen sehen:
ein Treibgut, das versonnen und selig war und fahl…

(in der Übersetzung von Paul Celan)