Conrad Ruf (1840-1922)

Emma Elise Dryander, nach 1888
Carte-Visite-Fotografie, Albuminpapier auf Karton
Fotografische Sammlung

 

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen albuminbeschichtete Fotopapiere auf. Eine Eiweißbeschichtung schützt das Bild vor dem Ausbleichen. Die Papiere wurden industriell hergestellt und im Laufe des Jahrzehnts für eine sehr populäre Portraitkultur genutzt: Die Carte-Visite-Fotografie.

Es handelt sich um kleine Abzüge im Format von etwa 8 x 5 cm. Die Fotografien wurden auf diese Art ökonomischer produziert, weil auf einer Platte mehrere kleine Negative Platz fanden und das Modellsitzen zeitlich verkürzt wurde. Diese Multiplikation einer Kameraaufnahme stellte nicht nur eine technische Neuerung in der Fotografie dar. Sie änderte auch den Umgang mit Portraits: Der Portraitierte nahm gleich mehrere Bilder von einer Ateliersitzung mit und tauschte den Überschuss gegen ebensolche Bilder seiner Verwandten, Freunde oder Geliebten.

Die im Austausch erhaltenen Bilder wurden meist nicht mehr wie Malereien gerahmt und offen im Raum gezeigt, sondern in eigens dafür gefertigten Alben untergebracht. Die Portraitalben der Carte-Visite-Fotografie muss man als modernisierte Form von Ahnengalerien betrachten, die allerdings nicht der Repräsentation, sondern der privaten Erinnerung dienten. Das Carte-Visite-Album ist ein Familienmuseum in Buchform und wurde damit zum Bestandteil sozialer Beziehungen.

Carte-Visite-Fotografien waren ein Massen-Phänomen. Sie werden einerseits als Demokratisierung des fotografischen Portraits und andererseits als Gefahr für die hohe Qualität der berühmten Fotoateliers betrachtet, die es sich nicht leisten konnten, keine Carte-Visite-Formate anzubieten. Die Ateliersituationen gehen dabei in der Tat kaum noch auf die Individualität der Dargestellten ein. Kulissen und Staffage und auch die Posen scheinen gänzlich formalisiert und festgelegt. […]

Die Carte-Visite-Fotografie von „Emma Elise Dryander“ wurde am 27. Februar 1931 mit Eingliederung des Nachlasses Dryander in die Fotografische Sammlung des Saarlandmuseums aufgenommen. Dargestellt ist Emma Elise Dryander (geb. 1855). Sie war die Tochter von Richard Friedrich Dryander (und Ida Elise, geb. Mügel), dem Steingutfabrikanten und Besitzer des so genannten Sensenwerkes am Deutschmühlenbad in Saarbrücken und damit die Urenkelin des Malers Johann Friedrich Dryander.

(Dr. Roland Augustin, in: Gebanntes Licht, Die Fotografie im Saarlandmuseum von 1844 bis 1995)

 

 

Begleitende Lyrik

Sophie Mereau (1770-1806)

Die Schriftstellerin Sophie Mereau war Ende des 18. Jahrhunderts eine schillernde Persönlichkeit in der Literaturszene, zu ihren engen Vertrauten gehörten Ludwig Tieck, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schiller – Letzterer druckte ihre Gedichte auch in seiner Zeitschrift „Die Horen“ oder in seinem Musenalmanach.

In zweiter Ehe mit Clemens Brentano verheiratet, war sie nicht nur von 1802-1804 Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Kalathiskos“, sondern machte sich in ihren autobiografischen Romanen „Das Blüthenalter der Empfindung“ (1794) und „Amanda und Eduard“ (1803) vor allem für die Rechte der Frauen bezüglich freier Partnerwahl stark.

Sophie Mereau starb 1806 im Alter von 36 Jahren bei der Geburt ihres sechsten Kindes.

Das Gedicht „Andenken“ erschien in Schillers „Musen-Almanach für das Jahr 1791“.

 

Andenken

Athmet von Lüftchen bewegt, die Linde mit stillem Gesäusel,

Wähn’ ich, es beb’ um mich, leise dein zärtlicher Laut.

Seh’ ich von fern ein Gewand, an Farbe ähnlich dem deinen,

Zuckt mir ein lieblicher Schreck schauernd durch Mark und Gebein.

Zeichnet mit Rosengewölk der Tag die beginnende Laufbahn,

Stralet der Aether so blau, denk’ ich: es wäre wohl schön,

Heut’ in der freien Natur, in himmlisch blühenden Lauben

Frölich beisammen zu seyn, ach! mit dem lieblichen Freund!

Dämmert der Abend so mild, und wandelt durch duftige Wolken

Ihren Geliebten zu sehn, Luna, mit thauigem Blick,

Schimmern die Sterne herab, in schweigender, ewiger Klarheit,

Tauch’ ich mich, einsam und still, gern in die Kühlung der Nacht,

Denke deiner, bewegt, und seufze mit liebender Sehnsucht:

Wehet, ihr Lüfte, o weht seine Gedanken mir zu!

Sieh’, es umringet mich so dein Bild in lieblichen Träumen,

Bist du dem Auge gleich fern, ewig dem Herzen doch nah.

Seliger Ahnung getreu, liebt dich die Freundinn in Allem,

Wie sie, in schönerer Zeit, Alles einst liebte in dir.