Alexej von Jawlensky (1864-1941)

Landschaft bei Murnau, 1909
Gemälde
Moderne Galerie

 

1896 – nach einer militärischen Ausbildung und dem gleichzeitigen Besuch der Kunstakademie in St. Petersburg, der Bekanntschaft mit Ilja Repin, dem „Courbet Rußlands“, bei dem er sechs Jahre gearbeitet hatte, verließ Alexej Jawlensky zusammen mit Marianne von Werefkin Rußland und begab sich nach München. In den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg wohnte er in Schwabing, besuchte die Zeichen- und Malschule von Anton Azbe und lernte Wassily Kandinsky kennen.

 

Kandinsky und seine Lebensgefährtin Gabriele Münter hatten im Sommer 1908 Murnau als Aufenthaltsort entdeckt. Zusammen mit Jawlensky und Marianne von Werefkin verbrachten sie dort 1908 und 1909 arbeitsreiche Sommermonate.

Diese Aufenthalte in Murnau bedeuteten für die beteiligten Künstler eine entscheidende Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. „Es war eine schöne, interessante, freudige Arbeitszeit mit viel Gesprächen über Kunst mit den begeisterten „Giselisten“ [Jawlensky und Werefkin wohnten in der Giselastraße in Schwabing]. Ich zeigte Jawlensky besonders gern meine Arbeiten – einerseits lobte er gern […] viel, […] andererseits erklärte er mir auch manches – gab mir von seinem Erlebten und Erworbenen und sprach von ‚Synthès‘.“ [Tagebucheintrag von Gabriele Münter im Mai 1911]

Jawlenskys „Landschaft bei Murnau“ entstand im Sommer 1909. Aus Häusern, Dächern – vom Grün der Büsche und Bäume umgeben – entwickelte er eine Komposition, die perspektivische Räumlichkeit weitgehend aufgibt, in der stattdessen schwarz konturierte Farbflächen dominieren. Die geradlinig begrenzten Flächen der Häuser kontrastieren mit den Rundformen von Büschen und Bäumen. Nicht zuletzt die Überschneidungen der Formen durch die Bildränder tragen zum Eindruck einer freien, beinahe schon ungegenständlichen Komposition bei. Die rasch aufgetragenen Farben, die den Malgrund vielfach sichtbar lassen, die auf Komplementärkontrasten aufgebaute Komposition des Gemäldes vermitteln zudem den Eindruck einer skizzenhaft bewegten Lebendigkeit.

Die Tagebuchäußerungen Gabriele Münters weisen auf die Bedeutung Jawlenskys für die Künstler während der Aufenthalte in Murnau. Jawlensky war in dieser Zeit bereits – angeregt durch die Begegnung mit Matisse 1905 und die Bekanntschaft mit dem malenden Pater Willibrord Verkade aus Beuron, der ihm die Flächenkunst der französischen Nabis nahegebracht und die Bekanntschaft mit Paul Sérusier während dessen Besuchs in München 1907 vermittelt hatte – in seiner Entwicklung weit über den Impressionismus hinausgelangt.

Synthese, jener von Gabriele Münter zitierte Begriff Jawlenskys, dem gleichzeitig zentrale Bedeutung für die kunsttheoretische Diskussion jener Zeit zukam, bezeichnete – vieldeutig und wenig klar umrissen – Tendenzen und Strömungen, die naturalistische Vorstellungen überwanden, auf Vereinfachung der Formen, Flächengebundenheit zielten und eine subjektive Interpretation der Wirklichkeit erstrebten. Letztlich liegt dem Begriff die Vorstellung vom Kunstwerk als einer Synthese zwischen der Seele der Natur und der des Künstlers zugrunde.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, 1999)

Das Gemälde wurde 1955 aus dem Kunsthandel für das Saarlandmuseum erworben.

 

 

Begleitende Lyrik

Rudolf G. Binding (1867-1938)

 

Rudolf G(eorg) Binding begann seine schriftstellerische Laufbahn nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem er zunächst Jura und Medizin studiert hatte. Bereits im Jahr 1919 erschien seine Erzählung „Keuschheitslegende“, die ihm ersten Ruhm bescherte. Er zählte zunächst zu den angesehenen Schriftstellern der Weimarer Republik, seine Nähe zu Adolf Hitler und den Nationalsozialisten war jedoch dafür verantwortlich, dass seine Werke nach dem Zweiten Weltkrieg in der Versenkung verschwanden.

Ab 1935 lebte er im oberbayrischen Starnberg, hier starb er 1938 an Tuberkulose.

 

Oberbayerische Landschaft

Bergeinsamkeit die du von blauen Thronen,
die Stirn mit Eis bewehrt, herüberschaust
und in die Täler wo die Menschen wohnen
die Kühle deiner Majestät herniedertaust,
du wartest still von jenen Ewigkeiten,
weit hinter dir, zu jenen andern hin
die aus den dunklen Seen aufwärts schreiten
und wie das Schicksal leise nach dem Reifen
und Zepter deiner starren Herrschaft greifen.

Und bist so jung doch noch und auch so bleich
wie eine neu erhobne Königin
die erstmals naht dem Thron in ihrem Reich.