les tablettes

Januar 1919, Nr. 27, 3. Jahrgang
Deutsches Zeitungsmuseum Wadgassen

 

Im Oktober 1916 erschien in Genf die erste Ausgabe der Monatszeitschrift "les tablettes" mit einem Holzschnitt von Frans Masereel. Die Zeitschrift war auf Anraten von Henri Guilbeaux von Claude Le Maguet, Frans Masereel, Cécile Noverraz und Albert Ledrappier gegründet worden und erschien bis 1919 in 27 Ausgaben.

In ihrer pazifistischen Ausrichtung wollte die Zeitschrift ein breiteres Publikum ansprechen, ohne dabei ein bolschewistisches Programm zu verfolgen.

Masereel fertigte fast sämtliche Titelgrafiken an. (Nur in einer einzigen Ausgabe findet sich gar keine Arbeit Masereels.)

Die Abbildung zeigt die letzte Ausgabe der Zeitschrift.

(Deutsches Zeitungsmuseum)
 

 

Frans Masereel (1889-1972)

Frans Masereel, 1889 in Blankenberge/Belgien geboren und 1972 in Avignon gestorben, ist vor allem für seine grafischen und insbesondere druckgrafischen Werke bekannt. Bereits ab 1913 wurden seine Holzschnitte und Radierungen in Zeitschriften abgedruckt. Für die Zeitung „La feuille“ schuf er nahezu tausend Antikriegszeichnungen. Ab 1917 entstanden Holzschnittfolgen und sog. Bildromane, die ihn in Deutschland und der Schweiz bekannt machten. Durch seine Freundschaft mit Henry Gowa, kam Masereel 1947 nach Saarbrücken und unterrichtete hier an der Schule für Kunst und Handwerk die Meisterklasse für Malerei (bis 1951).

In Saarbrücken ist seit Januar 2019 an der Wilhelm-Heinrich-Brücke/Neumarkt ein Bürogebäude mit einem Großformat-Banner behangen. Es zeigt den 1924 entstandenen Holzschnitt „Le baiser“ (Der Kuss) von Masereel, der „ein Zeichen gegen das Auseinandertreiben der Gesellschaft und für ein friedliches Europa“ setzen soll.

Der Pazifist Masereel selbst sah seine Arbeit und seine Werke als eine Unterstützung für „die Unterdrückten, gegen die Unterdrücker, in allen Bereichen des gesellschaftlichen und geistigen Lebens, es ist für Brüderlichkeit unter allen Menschen, gegen diejenigen, die ein Interesse daran haben, die Menschen zu entzweien, es ist für jene, die den Frieden anstreben und gegen die Kriegshetzer.“

Masereel war mit den bekannten Schriftstellern und bildenden Künstlern seiner Zeit gut vernetzt und bekannt, neben Thomas Mann und Hermann Hesse, verband ihn auch eine Freundschaft mit Stefan Zweig.

 

Begleitende Lyrik

Stefan Zweig (1881-1942)

 

Nach frühen Gedichten, die Stefan Zweig Ende des 19. Jahrhunderts in Zeitschriften veröffentlichte, erschien 1901 sein erster Gedichtband „Silberne Saiten“. Sein bekanntestes – und letztes Werk – ist die „Schachnovelle“, die er von 1938 bis 1941 im brasilianischen Exil schrieb und die postum im Dezember 1942 in Buenos Aires erschien.

Ebenfalls zu dieser Zeit schrieb Zweig sein autobiografisches Buch „Die Welt von gestern, Erinnerungen eines Europäers“, das nach seinem Tod 1942 publiziert wurde. Darin schreibt Zweig über Frans Masereel:

„Da war Frans Masereel, der mit seinen Holzschnitten gegen die Greuel des Krieges vor unsern Augen das überdauernde zeichnerische Denkmal des Krieges schnitt, diese unvergeßlichen Blätter in Schwarz und Weiß, die an Wucht und Zorn selbst hinter Goyas „Desastros de la guerra“ nicht zurückstehen.“

Der seit Jahren an Depressionen leidende Stefan Zweig nahm sich am 23. Februar 1942 mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Das Gedicht „Die frühen Kränze“ ist dem gleichnamigen Gedichtband aus dem Jahr 1906 entnommen.

 

Die frühen Kränze

I

Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit
Biege mein Weg zu Stille schon und Schweigen,
Denn leiser wandelt meiner Stunden Reigen,
Wie Menschen gehn vor naher Müdigkeit.

So war, was ich, ein Kind, ein Träumer nahm
Das Leben schon? Und waren die verfrühten
Geschicke, die ich griff, schon reife Blüten,
Mit denen meine Jugend zu mir kam?

Doch Fragen sind dies, die ich klaglos spreche,
Denn keiner weiß es ganz, was er erlebt,
Da er noch Strom ist und geschnellte Schwinge,

Und erst, wenn alle Unrast fern verbebt,
Malen sich bildhaft auf der stillen Fläche
Die späten Träume der erlebten Dinge.

II

Doch diesen Glanz verlangt es mich, zu halten,
Zu fassen das, was kaum Erlebnis war,
Der Ferne Gruß, der Frauen mattes Haar,
Den lieben Schritt enteilender Gestalten,

Und solche Bilder, ehe sie verschatten,
In heißen Worten formend zu erneuern,
Daß sie, geläutert von den späten Feuern
Ein Glühen geben, das sie einst nicht hatten.

So wird, was schon verging, mir neu zu eigen
Und reicher nun. Gefangen im Gedicht
Runden die Stunden längst schon welker Lenze

Sich lächelnd wieder in den Lebensreigen,
Und ein – fast träumendes – Besinnen flicht
Die bunten Farben in die frühen Kränze.