Claude Gelée, gen. Lorrain (1600-1682)

Pastorale Landschaft bei Sonnenaufgang, um 1630/35
Gemälde
Alte Sammlung

 

Seit der Neueröffnung der Alten Sammlung im Jahr 1995 gelangte auch eine Dauerleihgabe der Schoellerbank AG Wien in die Ständige Sammlung am Saarbrücker Schlossplatz: Claude Lorrains Gemälde „Pastorale Landschaft bei Sonnenaufgang“, um 1630/35.

 

Claude Lorrains Ruhm ist durch die Jahrhunderte ungebrochen geblieben, die Verbreitung seiner Werke, die von den Päpsten der Barockzeit und vom europäischen Hochadel gesammelt wurden, war von Anfang an enorm, seine Bilder erlangten eminente Bedeutung für die Geschichte der Landschaftsmalerei.

Die „Pastorale Landschaft mit Sonnenaufgang“ ist nach Ansicht von Experten ein Frühwerk, Marcel Roethlisberger hat sich (in einem Gutachten vom 27.9.1971) für eine Datierung zwischen 1630 und 1635 ausgesprochen.

Ab 1635 erstellte der Künstler als Schutz gegen eventuelle Nachahmer ein privates Verzeichnis seiner Arbeiten, wobei er gewissenhaft auch die Auftraggeber und den Ort der Aufstellung notierte. […]

Durch die Lebensbeschreibung Joachim von Sandrarts, der mit Claude Lorrain „zu Rom lang beysammen gewohnet“, erfahren wir, dass der Landschaftsmaler „auf alle Weiss der Natur beyzukommen“ suchte, „lage vor Tags und biss in die Nacht im Felde, damit er die Tagröhte, der Sonnen Auf- und Nidergang, neben den Abend-Stunden recht natürlich zu bilden, erlernete…“. {…]

Diese Verbindung von genauer Beobachtung und souveräner, gegenstandsüberlegener Idealität veranlasste Goethe gegenüber Eckermann zu der Bemerkung: „Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit“.

Tatsächlich stellte Claude Lorrain die Natur selbst als einen Garten vor Augen, einen wahren Gottesgarten ohne Symmetriezwang, und dies geschah so überzeugend, dass seine bildschöne Idealnatur buchstäblich in die Gartenkunst eingehen sollte – in England, wo im 18. Jahrhundert tatsächlich Parkanlagen nach dem Vorbild seiner Kompositionen angelegt worden sind. (Auch unsere Dauerleihgabe soll früher in englischem Besitz gewesen sein.)

Auf diesen Grenzfall einer Identifikation von Natur- und Bildgestaltung fällt ein indirektes Licht durch die oben teilweise zitierte Bemerkung Goethes, wenn er fortfährt: „Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele auszudrücken.“

(Dr. Wolfram Morath, in: Die Alte Sammlung, Saarland Museum, 1995)

 

 

Begleitende Lyrik

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Johann Wolfgang von Goethe zog es im Herbst 1786 nach Italien, das er ab dem 3. September inkognito unter dem Namen Johann Philipp Möller bereiste. Sein Ziel war Rom, welches er Ende Oktober erreichte und hier bis Februar 1787 verweilte (erster Romaufenthalt). In Rom wohnte Goethe bei dem hessischen Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der 1786 auch das wohl berühmteste Portrait von Goethe anfertigte. Heute ist es unter dem Titel „Goethe in der Campagna“ bekannt und gehört seit 1887 zur Sammlung des Frankfurter Städel.

Seine Italienaufenthalte zwischen September 1786 und Mai 1788 verarbeitete Goethe später als Reiseberichte in seiner „Italienischen Reise“, basierend auf seinen Tagebucheinträgen.

 

Italienische Reise

Rom. Ankunft

1. November 1786

Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! Wenn ich sie in guter Begleitung, angeführt von einem recht verständigen Manne, vor funfzehn Jahren gesehen hätte, wollte ich mich glücklich preisen. Sollte ich sie aber allein, mit eignen Augen sehen und besuchen, so ist es gut, daß mir diese Freude so spät zuteil ward.

Über das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam weggezogen. Verona, Vicenz, Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flüchtig und Florenz kaum gesehen. Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß, wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, daß kein Bleiben mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt. Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt. Denn es geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit Augen sieht, das man teilweise in- und auswendig kennt. Alle Träume meiner Jugend seh‘ ich nun lebendig; die ersten Kupferbilder, deren ich mich erinnere (mein Vater hatte die Prospekte von Rom auf einem Vorsaale aufgehängt), seh‘ ich nun in Wahrheit, und alles, was ich in Gemälden und Zeichnungen, Kupfern und Holzschnitten, in Gips und Kork schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir; wohin ich gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt; es ist alles, wie ich mir’s dachte, und alles neu. Ebenso kann ich von meinen Beobachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken gehabt, nichts ganz fremd gefunden, aber die alten sind so bestimmt, so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können.