Alexej von Jawlensky (1864-1941)

Schwarze Haare in gelbem Hintergrund, 1912
Gemälde
Moderne Galerie

 

Im Frühjahr 1911 fuhr Jawlensky mit Marianne von Werefkin an die Ostsee, nach Prerow, und verbrachte den folgenden Sommer dort. In diesem Monaten entstanden Dünen- und Meereslandschaften, nicht zuletzt Bildnisse, die äußert folgenreich für seine Arbeit der nächsten Jahre wurden.

In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jawlensky: „Dieser Sommer bedeutete für mich eine große Entwicklung in meiner Kunst. Ich malte dort meine besten Landschaften und große figurale Arbeiten in sehr starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich. Ich habe sehr viel Rot genommen, Blau und Orange, Kadmiumgelb, Chromoxydgrün. Die Farben waren sehr stark konturiert in Preußischblau und gewaltig aus einer inneren Ekstase heraus.“

Zu den Köpfen, die im Anschluss an den Ostsee-Aufenthalt entstanden, gehört auch „Schwarze Haare in gelbem Hintergrund“ aus dem Jahr 1912 [1959 aus dem Kunsthandel für das Saarlandmuseum erworben].

Für dieses weibliche Bildnis wählte Jawlensky – wie wiederholt in dieser Zeit – ein nahezu quadratisches Bildformat, die die großen einfachen Formen des Gesichts akzentuiert und die Kraft der konturierten Farbflächen intensiviert.

Das vereinfachte, typisierende Bildnis entwickelt seine Wirkung aus Komplementärkontrasten. Nicht Gesehenes hält Jawlensky fest, sondern innerlich Empfundenes und Erlebtes.

 

Über seine Einstellung zum Portrait berichtete Gabriele Münter: „Jawlensky meinte, ein Portrait brauche nicht ähnlich zu sein. In hundert Jahren wisse ja doch keiner mehr, wie der Portraitierte ausgesehen hat und dann sei das Bild ähnlich. Damit verzichtet man aber von vornherein auf Portrait, auf Aussage über Wirklichkeit und malt ein Figurenbild, frei wie es einem künstlerisch passt.“

 

So bezeichnet denn auch der Bildtitel keine konkrete Person, sondern nimmt auf den spektakulären, das Bild bestimmenden Farbklang – von dunklem Haar und hellgelbem Hintergrund – Bezug, der an Gauguins Gemälde „Die Mutter des Künstlers“ von 1890 erinnern kann, das sich ehemals in der Sammlung Bernhard Koehler in Berlin befand, 1912 in der Sonderbund-Ausstellung in Köln zu sehen war, in der auch Jawlensky mit fünf Gemälden vertreten war, und da sich heute in der Staatsgalerie Stuttgart befindet.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

 

 

Begleitende Lyrik

Gertrud Kolmar (1894-1943)

 

Die jüdische Schriftstellerin Gertrud Kolmar, 1894 in Berlin als Gertrud Chodziesner geboren und wahrscheinlich Anfang 1943 im KZ Ausschwitz ermordet, zählt heute neben Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko zu den bedeutenden Lyrikerinnen des frühen 20. Jahrhunderts.

Bereits ihren ersten 1917 erschienenen Gedichtband publizierte sie unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar (die Herkunft ihres Nachnamens Chodziesner leitete sich ab aus der Stadt Chodziesen, die ab 1878 in Kolmar umbenannt wurde - und die Schriftstellerin veranlasste den Ortsnamen als Pseudonym zu wählen).

Lediglich zwei weitere Publikationen erfolgten zu ihren Lebzeiten: 1934 „Preußische Wappen“ (Gedichte aus den Jahren 1927/28) und 1938 der Gedichtband „Die Frau und die Tiere“. Letzterer erschien im August 1938 im jüdischen Buchverlag E. Löwe, nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Publikation vernichtet.

Ab Sommer 1941 war Gertrud Kolmar als Zwangsarbeiterin eingesetzt. Während ihren Geschwistern die Flucht aus Nazideutschland gelang, blieb sie bei ihrem Vater, der bereits 1942 ins „Ghetto Theresienstadt“ (de facto ein Konzentrationslager) verbracht wurde, sie selbst wurde am 2. März 1943 ins KZ Auschwitz transportiert, hier verliert sich ihre Spur…

 

Das Gedicht „Die Verworfene“ entstammt dem posthum herausgegebenen Sammelband „Weibliches Bildnis“, 49 Gedichte in 4 Räumen, geschrieben 1933. Das hier ausgewählte Gedicht gehört zum Abschnitt „Zweiter Raum“.

 

 

Die Verworfene

In meinem Zimmer bin ich ganz verloren.

Die Dinge sagen, daß sie mich nicht kennen.

Die Heizung mit getünchten Schlangenrohren

Zuckt unter meiner Hand und will sie brennen.

 

Der Stuhl schiebt peinlich scheu den Mantel nieder.

Im Glasschrank klirren flüsternd kleine Tassen.

Aus schmaler Vase schaut mich blauer Flieder

So duldend an, als hieße ich ihn blassen.

 

Ich ahnte nicht, daß dieses ist: Gewissen.

Der Sachen tote Feindschaft, die ich greife,

Mit hart brokatnem Blick das Sofakissen,

Der hohe Sessel mit gewollter Steife.

 

Wie lernt ein Tisch, was Menschen nie gebilligt

Und nie gescholten - und auch nie erfahren,

Verneint der Spiegel, da ich eingewilligt,

Und lügt im Haß den Glanz aus meinen Haaren?

 

Mein großes Wollknäul sprang vom Fensterbrette,

Im Angstgehüpf wie eine lila Ratte;

Ich meinte wohl, daß ich's verworfen hätte,

Und wußte, daß es mich verworfen hatte.