Paul Klee (1879-1940)

D. Mond u seine Tiere, 1916
Nadelritzzeichnung auf Papier auf Karton
Grafische Sammlung

 

Die Nadelritzzeichnung „D. Mond u seine Tiere“ (1916, 41) des Saarlandmuseums entstand im Jahr der Einberufung Paul Klees [am 11. März 1916 war Klee als Rekrut zum Militärdienst eingezogen worden].

Das Schwarz des Bildgrundes ist von einer darunter liegenden warm-gelben Farbschicht durchwirkt. Klee hat das Farbmaterial mit einer Nadel stellenweise abgetragen und so das Bildmotiv herausgearbeitet. Die feinen Linien verdichten sich zu Kreuzschraffuren und bilden transparente Flächenformen aus, die einander durchdringen und überlagern. Die Darstellung erhält so einen leichten, schwebenden Charakter. Etwas aus der Bildmitte herausgerückt, ist eine mäßig ins Oval gelängte Mondscheibe – ein Gesicht mit Augen, Nase und Mund – erkennbar.

Rechts ist ein Davidstern zu sehen. In Verbindung mit dem dunkel schimmernden Grund ergibt sich der Eindruck leuchtender Gestirne an einem nächtlichen Himmel.

Die Mondscheibe steht im flächigen Verbund mit prismenartigen Formen, aus denen sich zwei Tierwesen entwickeln, die nach links und rechts wegzuspringen scheinen.

Die Zeichnung ist beispielhaft für Klees realitätsabgewandte Kunst der Kriegsjahre. Zugleich lässt die spezifische Ausgestaltung des Tiermotivs an die Bilder von Franz Marc denken.

(Christiane Wichmann, in: Euphorie und Untergang, Künstlerschicksale im Ersten Weltkrieg, 2014)

 

Das Blatt wurde bei der 22. Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts 1955 für die grafische Sammlung des Saarlandmuseums erworben.

 

 

Begleitende Lyrik

Erich Kästner (1899-1974)

Erich Kästner (1899 in Dresden geboren, 1974 in München gestorben) ist heute vor allem als Kinderbuch-Autor bekannt. Seine Kinderbücher „Emil und die Detektive“ (1929), „Pünktchen und Anton“ (1931), „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) und „Das doppelte Lottchen“ (1949) wurden im 20. Jahrhundert zu Kinderbuch-Klassikern.

Seine Karriere begann Kästner jedoch in der Weimarer Republik, wo er mit gesellschaftskritischen Gedichten auf sich aufmerksam machte. Er blieb auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, und musste im Mai 1933 zusehen wie seine Bücher öffentlich verbrannt wurden (er gilt als der einzige Autor, der bei seiner eigenen Bücherverbrennung zugegen war).

1955 erschien Kästners Gedichtzyklus „Die 13 Monate“, der zugleich sein letzter Gedichtband war. Ursprünglich hatte er 12 Gedichte verfasst, vom 30. Dezember 1952 bis 7. Dezember 1953, die in der „Schweizer Illustrierten Zeitung“ abgedruckt wurden (jedes Gedicht einem Monat zugeordnet).

Als Kästner 1954 über eine Buchausgabe dieser 12 Gedichte nachdachte, erarbeitete er auch das 13. Gedicht und ein Vorwort für die Printausgabe.

Im Vorwort schrieb Kästner: „Die hier gesammelten Gedichte schrieb ein Großstädter für Großstädter. Er versuchte sich zu besinnen. Denn man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wiederfinden. Man müsste wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt, um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.

Die zweite Austreibung aus dem Paradies hat stattgefunden. Und Adam und Eva haben es diesmal nicht bemerkt. Sie leben auf der Erde, als lebten sie darunter. Ausflüchte sind keine Auswege. Schussfahrten sind Ausflüchte. Was, nun gar, könnten ein paar Verse vermögen? Sie wurden trotzdem notiert. Es hatte, wieder einmal und wie so oft, das letzte Wort - das kleine Wort Trotzdem."

 

 

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.

Ist gar nicht sehr gesund.

Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.

Kennt gar die letzte Stund.

 

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.

Ruht beides unterm Schnee.

Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.

Und Wehmut tut halt weh.

 

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.

Nichts bleibt. Und nichts vergeht.

Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.

Nützt nichts, daß man's versteht.

 

Und wieder stapft der Nikolaus

durch jeden Kindertraum.

Und wieder blüht in jedem Haus

der goldengrüne Baum.

 

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,

wie hold Christbäume blühn.

Hast nun den Weihnachtsmann gespielt

und glaubst nicht mehr an ihn.

 

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.

Dann dröhnt das Erz und spricht:

"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,

und du kennst deinen nicht."