Otto Mueller (1874-1930)

Waldteich mit Badenden, o.J.
Gemälde
Moderne Galerie

 

Erst spät fand Otto Mueller zur „Brücke“-Gruppe. Im April 1910 weist die Jury der Frühjahrsausstellung der Berliner Secession Werke von 27 Künstlern ab, darunter auch Werke Muellers. Auf Initiative Max Pechsteins gründeten die Zurückgewiesenen die „Neue Secession“, die eine eigene Ausstellung organisierte. Erich Heckel schrieb später in einem Brief: „Die erste Begegnung mit Otto Muellers Bildern geschah in Berlin in der Ausstellung der Zurückgewiesenen der Berliner Sezession im Frühjahr 1910, die in der Galerie Macht stattfand, mit ihm noch am gleichen Tag in seinem Atelier in der Mommsenstraße. Für jeden von uns war sie bedeutsam und ein fruchtbarer Moment, und es war selbstverständlich, daß er von nun an zur Gemeinschaft der ‚Brücke‘ gehörte.“ […]

Er begann seine Ausbildung als Lithograph in Görlitz und studierte anschließend an der Akademie in Dresden. Zu seinen Leitbildern gehörten in dieser Zeit Hans von Marées, Ludwig Hofmann und Arnold Böcklin, er war vom Jugendstil geprägt, das Linear-Dekorative, Idyllische kennzeichnete seine Anfänge. Obwohl nicht Autodidakt wie die Künstler, die den Kern der „Brücke“ bildeten, besuchte er doch jeweils nur kurz die Akademien in Dresden und München, zog sich zurück, blieb Suchender, Grübler. Die meisten seiner frühen Arbeiten vernichtete er. In Verbindung mit der „Brücke“ bildete sich dann zunehmend deutlicher seine eigene Malerei aus. […]

„Waldteich mit Badenden“ [erworben 1955] gibt den Blick durch einige Baumstämme auf einen Teich im Wald. Das landschaftliche Element steht im Vordergrund, die Badenden sind selbstverständlicher Teil der stillen, ungestörten Waldszene, die eindrücklich die Zusammengehörigkeit, die Einheit von Mensch und Natur, betont.

Das Gemälde entstand – für Otto Mueller charakteristisch – mit Leimfarben auf grobem Rupfen, die eine gebrochene, gedämpfte Farbigkeit bewirken, nahezu den Eindruck einer Wandmalerei. Leimfarben, die Mueller in die „Brücke“-Gruppe einbrachte, verhindern den Eindruck vordergründiger Brillanz, geben den Gemälden etwas Ursprüngliche-Rauhes, das in der Tendenz der ästhetischen Vorstellungen der „Brücke“-Gruppe lag.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

 

 

Begleitende Lyrik

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Das als mittlere Werkphase bezeichnete Schaffen von Rainer Maria Rilke umfasst die Jahre zwischen 1902 und 1910. Hier sind vor allem seine "Neuen Gedichte" und der einzige Roman - den er je verfasste - mit dem Titel "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von besonderer Bedeutung. Inspiriert durch Auguste Rodin nahm Rilke die bildende Kunst in den Blick und nach Gedichten wie "Früher Apollo" oder Huldigungen an die Architektur und verschiedene Ornamente ("Die Kathedrale", "Das Portal", "Die Fensterrose") entstanden auch seine an der Natur ausgerichteten Dinggedichte, die sich am geschauten Objekt orientierten. Wie ein Bildhauer vor dem Modell arbeitet, so setzte sich jetzt auch Rilke mit der dinglichen Welt auseinander, gleichwohl "Dinglyrik" nicht meint, dass die Nachahmung der sichtbaren Erscheinungswelt daraus hervorgeht.

Rilke hatte in Paris - wie auch viele bildende Künstler - eine Sondergenehmigung, um sich am Vormittag im "Jardin des Plantes" aufzuhalten und dort vor Ort, in der Natur, zu arbeiten. Hier entstanden seine Gedichte zu Tieren und Pflanzen wie "Blaue Hortensie" oder  "Der Panther" (der auch im Untertitel auf "Jardin des Plantes" verweist), und "Die Gazelle".

Das Gedicht "Die Gazelle" entstand am 17. Juli 1907 und es hat - wie auch "Der Panther" - einen Untertitel, nämlich mit "Gazella Dorcas" den wissenschaftlichen Namen der Gazelle. An seine Frau Clara (wenngleich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren getrennt, aber zeitlebens freundschaftlich verbunden) schrieb Rilke am 13. Juni: „Wie Frauen aus Bildern schauen, so schauen sie [die Gazellen] aus etwas heraus mit einer lautlosen, endgültigen Wendung. Und als ein Pferd wieherte, horchte die eine, und ich sah das Strahlen aus Ohren und Hörnern um ihr schlankes Haupt.“

 

 

Die Gazelle

Gazella Dorcas

 

Verzauberte: wie kann der Einklang zweier

erwählter Worte jeden Reim erreichen,

der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.

Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,

 

und alles Deine geht schon im Vergleich

durch Liebeslieder, deren Worte, weich

wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,

sich auf die Augen legen, die er schließt:

 

um dich zu sehen: hingetragen, als

wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen

und schüsse nur nicht ab, solang der Hals

 

das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden

im Wald die Badende sich unterbricht:

den Waldsee im gewendeten Gesicht.