Lovis Corinth (1858-1925)

Selbstportrait vor der Staffelei, 1922
Gemälde
Moderne Galerie

 

Ende 1922 schrieb Corinth: „Ich nähere mich meinem 65. Lebensjahre. In diesem Alter sind meine Arbeitsgenossen gestorben: Olde, Trübner etc. Wie lange es mir noch vorbehalten bleibt? Jedenfalls ist mir an meinem Leben nichts mehr gelegen. Ein lächerliches Treiben geht durch die Welt, nichts sieht man, und Deutschland steht am schlechtesten.“

In diesem Jahr portraitierte er sich in seinem Berliner Atelier vor der Staffelei sitzend. Im Hintergrund werden eine Wanduhr sowie ein Widderkopf sichtbar, Hinweise auf die ablaufende Zeit, auf Vergänglichkeit.

Die Selbstbildnisse Corinths – gemalt, gezeichnet, radiert – gehören zweifellos zu den ergreifendsten Werken seines Oeuvres. Sie sind kontinuierliche, schonungslose Selbstbefragung und wurden immer wieder mit den Selbstbildnissen Rembrandts verglichen, eine Verbindung, die nicht zuletzt Corinth selbst nahelegte, stellte er sich doch gelegentlich auch im Habitus Rembrandts dar – so in seinem „Selbstportrait im Pelz und Pelzbarett“ von 1916.

Rembrandt blieb für Corinth Maßstab bis zu seinem Tod. Die letzte Reise führte ihn 1925 nach Holland, um in Amsterdam die Gemälde von Rembrandt und Frans Hals zu sehen. Diese Orientierung ging mit gleichzeitiger Skepsis, ja schroffer Ablehnung der „kubistischen Malerei und der hottentottischen Naivität in der Kunst“ einher. […]

Die Reihe der Selbstbildnisse Corinths hat viele Facetten. Sie enthält Verkleidungen, Rollenbildnisse, Maskeraden, mythologische Anspielungen ebenso wie eine Vielfalt psychologischer Befindlichkeiten von rauschhafter Vitalität, wie sie beispielsweise das Selbstportrait im „Bacchantenpaar“ von 1908 zeigt, bis hin zu Melancholie und Depression, die das „Selbstportrait vor der Staffelei“ charakterisieren. Daß diese scheinbare Gegensätzlichkeit in ihm letztlich zusammengehörte, war Corinth sehr bewußt: „Ich war nicht wenig erstaunt, daß alle Welt mich aus meinen Arbeiten einen starken Lebensbejaher nannte. In der Tat war ich, ich kann wohl sagen, seit meiner Kindheit von schwerster Melancholie heimgesucht.“

Sein Selbstbildnis vor der Staffelei in seinem Atelier – alt, krank, eingefallen, hohläugig, im Bewußtsein schwindender Kräfte, dem Tode nahe – gibt einen erschreckenden Eindruck von seinem Befinden in den letzten Lebensjahren.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

 

 

Begleitende Lyrik

Georg Trakl (1887-1914)

Georg Trakl, 1887 in Salzburg geboren und 1914 in einem Krakauer Militärhospital an einer Überdosis Kokain gestorben, gehört zusammen mit Paul Boldt und Jakob van Hoddis zu den großen Lyrikern des Expressionismus. Aufgrund seines frühen Todes ist sein Werk jedoch nicht sehr umfangreich, lediglich ein Gedichtband erschien zu seinen Lebenszeiten. 1913 gab der Kurt Wolff Verlag innerhalb der Reihe „Der jüngste Tag, Die Bücherei einer Epoche“ einen Sammelband (Nr. 7/8) mit 49 Gedichten von Trakl heraus. Wolff veröffentlichte wenige Monate nach Trakls Tod im Frühjahr 1915 unter dem Titel „Sebastian im Traum“ außerdem vier Gedichtzyklen und einen Prosatext Trakls.

Der 1913 erschienene Sammelband enthält auch das Gedicht „Melancholie“.

 

 

Melancholie

Bläuliche Schatten. O ihr dunklen Augen,

Die lang mich anschaun im Vorübergleiten.

Guitarrenklänge sanft den Herbst begleiten

Im Garten, aufgelöst in braunen Laugen.

Des Todes ernste Düsternis bereiten

Nymphische Hände, an roten Brüsten saugen

Verfallne Lippen und in schwarzen Laugen

Des Sonnenjünglings feuchte Locken gleiten.