Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Bäume am Strand – Fehmarn, 1912/13
Zeichnung (Feder und Aquarell)
Grafische Sammlung

 

Eine Baumgruppe über dem Meer, der Blick durch sie hindurch auf Bootssteg, Bucht und gegenüberliegenden Hügel – diese Ostseelandschaft hat Kirchner während seiner Fehmarn-Aufenthalte 1912/13 mit raschen zarten Federstrichen eher hingeschrieben denn gezeichnet. Von einer „Hieroglyphenschrift“ hat er selbst im Zusammenhang mit seinen Zeichnungen gesprochen und auf die Besonderheit seiner Schaffensart hingewiesen. „Die Arbeit aus dem Großen ins Kleine macht die Einzelform von der Gesamtform abhängig. Die Einzelform bildet sich nur daraus, es kann also kein Detail an sich geben. […] Die Formen entstehen und ändern sich bei der Arbeit aus der ganzen Fläche. Daher erklären sich auch die sogenannten Verzeichnungen der Einzelformen, das Kleine muß sich dem Großen fügen.“

Die Federzeichnung wird anschließend akzentuierend durch Aquarellfarben ergänzt, die sich gegenüber der Zeichnung autonom verhalten. Die Konturlinien im einzelnen außer acht lassend, führen sie ein Eigenleben. Auch die Farbe erfüllt ihre Funktion  nicht in der Klärung von Detailbezügen, erläutert nicht die Gegenständlichkeit des Blattes, sondern sie ist Teil der Gewichtungen innerhalb der Komposition. So geben die sich dem linken Bildrand zuneigenden Bäume der Komposition einen starken Akzent, der nur durch das kräftige Orange eines Stammes auf der rechten Seite in einem Gleichgewicht gehalten wird.

Ebenso verhält es sich mit der Gestaltung der Zweige, die in der Zeichnung in summarischen Abbreviaturen, „Hieroglyphen“, gegeben werden und farbig in wenigen blauen Pinselstrichen eine weitere Vereinfachung erfahren. Sie wiederholen sich zeichenhaft und bilden eine eigenständige Struktur im Kompositionsganzen. So sehr das Blatt auch eine räumliche Situation darstellt – den Blick durch die Bäume des Vordergrunds auf das Meer – so werden die räumlichen Werte durch die Darstellung zurückgenommen. Ufer, Meer und Himmel erscheinen als übereinander angeordnete Zonen, die durch die Bäume in der Fläche verklammert werden. […]

Die Kompositionsform des Aquarells – Bäume, die im Vordergrund den Blick in eine Landschaft verstellen – hat ihren Ursprung in japanischen Holzschnitten und wurde auch von Impressionisten vielfach genutzt.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

Das Blatt gelangte 1982 mit Eingliederung der Sammlung Kohl-Weigand in den Bestand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.

 

 

Begleitende Lyrik

Klaus Groth (1819-1899)

Der 1819 in der schleswig-holsteinischen Region Dithmarschen geborene Klaus Groth, zunächst zum Lehrer ausgebildet, kam 1847 zur Erholung nach Fehmarn. In dem Dorf Landkirchen auf Fehmarn blieb er bis 1853 und hier entstanden nicht nur zahlreiche Geschichten, sondern vor allem auch seine plattdeutsche Gedichtsammlung „Quickborn“, im Volksmund „Dat Book“ genannt. Dieses Werk habe in ganz Schleswig-Holstein zur Wiederbelebung der plattdeutschen Sprache geführt.

Als die erste Ausgabe Ende 1852 erschien, erklärte Groth im Vorwort seine Beweggründe des Dichtens, nämlich „die Ehre der plattdeutschen Mundart zu retten“ und kämpfte damit auch gegen die Vorurteile, dass das Plattdeutsche lediglich „zum niedrig Komischen“ tauge. In der Folge verfasste Groth Nachschlagewerke zur plattdeutschen Grammatik und Orthographie.

Kurze Zeit darauf wurden auch zeitgenössische Komponisten auf den zwischenzeitlich in Kiel lebenden Dichter aufmerksam. Die wohl bekanntesten Vertonungen stammen von Johannes Brahms aus dem Jahr 1873 (später vertonte auch Arnold Schönberg Groths Gedichte).

In seinem Zyklus „Acht Lieder und Gesänge für eine Singstimme und Klavier op. 59“ greift Brahms u.a. auf Groths „Dein blaues Auge“, „Mein wundes Herz“ und auch auf das Gedicht „Regenlied“ (Nr. 3) zurück.

Das „Regenlied“ entstammt der 1854 erschienenen Sammlung hochdeutscher Gedichte „Hundert Blätter, Paralipomena zum Quickborn".

 

Regenlied

Walle, Regen, walle nieder,

Wecke mir die Träume wieder,

Die ich in der Kindheit träumte,

Wenn das Naß im Sande schäumte;

 

Wenn die matte Sommerschwüle

Läßig stritt mit frischer Kühle,

Und die blanken Blätter tauten

Und die Saaten dunkler blauten.

 

Welche Wonne, in dem Fließen

Dann zu stehn mit nackten Füßen!

An dem Grase hinzustreifen

Und den Schaum mit Händen greifen.

 

Oder mit den heißen Wangen

Kalte Tropfen aufzufangen,

Und den neu erwachten Düften

Seine Kinderbrust zu lüften!

 

Wie die Kelche, die da troffen,

Stand die Seele atmend offen,

Wie die Blumen, düftetrunken

In dem Himmelstau versunken.

 

Schauernd kühlte jeder Tropfen

Tief bis an des Herzens Klopfen,

Und der Schöpfung heilig Weben

Drang bis ins verborgne Leben.–

 

Walle, Regen, walle nieder,

Wecke meine alten Lieder,

Die wir in der Türe sangen,

Wenn die Tropfen draußen klangen!

 

Möchte ihnen wieder lauschen,

Ihrem süßen, feuchten Rauschen,

Meine Seele sanft betauen

Mit dem frommen Kindergrauen.