Blaue Glasurne

römisch, 1./2. Jh. n. Chr.

Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken

 

In der Römerzeit wurde Glas in mannigfaltiger Form verwendet – vom praktischen Gebrauchsglas bis zum erlesenen Luxusprodukt. Die meisten und am besten erhaltenen Gläser der saarländischen Altertümersammlung wurden jedoch vorwiegend nicht in den Bauresten der dörflichen Siedlungen und der herrschaftlichen Landvillen gefunden, sondern entstammen Gräbern, weil sie hier absichtlich niedergelegt wurden und so geschützt die Zeit überdauerten. Die zahlreichen vollständigen Gefäße wurden den Verstorbenen als Beigaben mit ins Grab gegeben. Dies ist ein gängiger Bestattungsritus der vorrömischen Zeit unter den keltischen Stämmen der Saar- und Eifel-Region (wie den Mediomatrikern im Metzer Raum/südliches Saarland und den Treverern im Trierer Gebiet/Nord-Saarland). Dieser Beigabenbrauch ist auch in der frühen Phase nach der römischen Herrschaftsübernahme (Mitte 1. Jh. v. Chr.) bei den Gräbern der gallo-römischen Mischkultur noch anzutreffen, und so wurden auch weiterhin Gläser in die Gräber gegeben. Im 2. Jahrhundert n. Chr. mit Voranschreiten der Romanisierung in den Nordwestprovinzen geht diese Tradition immer mehr zurück und Grabbeigaben bei den saarländischen Fundstätten werden seltener.

 

Eine Gattung von Glasgefäßen aus saarländischen Gräbern nimmt dabei eine Sonderstellung ein: die Glasurnen mit M-förmigen Henkeln. Bei den im Vergleich zu den sonstigen Glasfunden deutlich größeren Glasurnen handelt es sich nicht um Beigabengefäße. Die Urnen dienten bei Brandbestattungen der Aufnahme des Leichenbrandes und waren somit das Grabbehältnis selbst. Damit das fragile Aschegefäß jedoch nicht direkt beim Vergraben zu Bruch ging, ist bei den Glasurnenbestattungen das Phänomen festzustellen, dass die Urnen in einen Schutzbehälter eingelassen wurden. Ein Beispiel ist ein Amphorengrab aus Saarbrücken-Brebacher Straße. Eine gerippte Glasurne wurde in den unteren Teil einer „geköpften“ Transportamphore aus grober Keramik gestellt und mit einem Dachziegel abgedeckt. Als zusätzlichen Schutz wurden kreisförmig Steine seitlich um die Amphore platziert. Hier wurden sozusagen keramische Objekte aus anderem Zusammenhang als Schutz für das Glasgefäß recycelt und wiederverwendet. Es gibt im Saarland auch Fälle, bei denen solche Schutzbehälter speziell für die Bestattung und mit mehr Aufwand angefertigt wurden: sog. Steinkisten (z. B. aus Püttlingen, Schmelz und Marpingen). Es wurde eine Art Klein-Sarkophag aus Stein ausgemeißelt, jedoch nicht um den unverbrannten Körper des Verstorbenen aufzunehmen, sondern seine Asche in einer gläsernen Urne. Die Vertiefungen in den Steinblöcken sind an die Größe und Form der Glasurnen angepasst.

Die Glasurne mit M-förmigen Henkeln tritt kurz nach der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. auf und wurde bis ins 2. Jahrhundert hergestellt. Ursprünglich gehörte in der Regel ein Deckel zu dieser Form, der bei dem Marpinger Stück, das 1974 im Gräberfeld Rainstraße samt zugehöriger runder Steinkiste ausgegraben wurde, aber nicht (mehr) vorhanden war. Die Glasurnen mit M-förmigen Henkeln waren im Römischen Reich von Italien bis England recht weit verbreitet. Die Form der Urne mit M-förmigen Henkeln wurde ursprünglich als Wasserbehältnis oder für andere Vorräte genutzt. Durch die M-förmigen Henkel ließ sie sich sehr gut mit beiden Händen, und zwar je zwei Finger in einem Bogen der M‘s, anheben, selbst wenn sie gefüllt und aufgrund ihrer Größe recht schwer war. Das Wort urna bedeutet ursprünglich Wassergefäß. Die für den Rhein- und Moselraum bezeugten Funde von Glasurnen zeigen jedoch durchweg eine Verwendung als Graburne – die Grundform des ursprünglichen Nutzgefäßes war als edle Glasvariante in den Totenkult- und Begräbniskontext gewandert.

Bei der Glasurne aus Marpingen besticht die blaue Farbe. Es handelt sich dabei jedoch um die natürliche Grundfarbe ohne spezielle färbende Zusätze: Römisches Glas ist an sich nicht farblos, sondern liegt in einem blaugrünen Grundton, sogenanntes ‚aqua’-farbenes Glas. Durch chemische Zusätze konnte Glas in verschiedene weitere Farbtöne eingefärbt werden:

„Man bereitet auch durch eine Art Färbung ein zu Speisegeschirren dienendes obsidianisches, ganz rothes undurchsichtiges Glas, welches den Namen Haematinon führt; ferner weisse, murrhinische, hyacinthrothe, sapphirblaue und anders gefärbte Gläser. Auch ist kein Stoff leichter zu bearbeiten und zu färben als Glas, jedoch wird das wasserhelle, dem Krystall am ähnlichsten stehende am meisten geschätzt.“ (Plinius der Ältere, Naturgeschichte, Buch 36). Spätestens seit dem 2. Jahrhundert war es auch möglich, das Glas durch Zusatz von Mangan und Antimon von seinem blaugrünen Naturton zu entfärben und so das begehrte farblose Glas künstlich herzustellen. Parallel zum farblosen Glas wurde weiterhin ‚aqua‘-farbenes Glas zu Gebrauchsgefäßen verarbeitet. Die Gläser der Spätantike unterscheiden sich in der Glasfarbe von den früheren Gläsern – statt ‚aqua‘-farben herrscht eine olivgrüne Basisfarbe vor.

(Thomas Martin, Sammlungsleiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte)

 

 

Begleitende Literatur

Johann Peter Eckermann (1792-1854) – Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Johann Peter Eckermann, der ab Sommer 1823 in Weimar lebte und seit dieser Zeit beständig bei Johann Wolfgang von Goethe ein – und ausging, von einigen gar als Goethes Sekretär betitelt, hat wenig eigenhändig verfasste Gedichte oder Schriften publiziert.

Sein größtes Verdienst ist die  Niederschrift der „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“. Diese „Gespräche“, publiziert in drei Teilen von 1836 bis 1848, sind für die Bewertung von Goethes Oeuvre eine wichtige zeitgenössische Quelle.

Im Vorwort der Erstpublikation 1836 erläutert Eckermann: „Ich halte dafür, daß diese Gespräche für Leben, Kunst und Wissenschaft nicht allein manche Aufklärung und manche unschätzbare Lehre enthalten, sondern daß diese unmittelbaren Skizzen nach dem Leben auch ganz besonders dazu beitragen werden, das Bild zu vollenden, was man von Goethe aus seinem mannigfaltigen Werk bereits in sich tragen mag.
Weit entfernt aber bin ich auch wiederum, zu glauben, daß hiermit nun der ganze innere Goethe gezeichnet sei. Man kann diesen außerordentlichen Geist und Menschen mit Recht einem vielseitigen Diamanten vergleichen, der nach jeder Richtung hin eine andere Farbe spiegelt. Und wie er nun in verschiedenen Verhältnissen und zu verschiedenen Personen ein anderer war, so kann ich auch in meinem Falle nur in ganz bescheidenem Sinne sagen: dies ist mein Goethe.“

 

Der untenstehende Auszug von Goethe wurde am Montag, 15. Februar 1830 aufgezeichnet. Auch einen Tag zuvor, am Sonntag, 14. Februar 1830, war Eckermann im Hause Goethe zugegen als dieser vom Tod der Großherzogin Mutter unterrichtet wurde. Entgegen der Annahme von Eckermann reagierte Goethe zunächst nicht auf die Todesnachricht:„Seit länger als funfzig Jahren, sagte ich mir, ist er dieser Fürstin verbunden gewesen, er hat ihrer besonderen Huld und Gnade sich zu erfreuen gehabt, ihr Tod muß ihn tief berühren. Mit solchen Gedanken trat ich zu ihm ins Zimmer; allein ich war nicht wenig überrascht, ihn vollkommen heiter und kräftig mit seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln am Tisch sitzen und seine Suppe essen zu sehen, als ob eben nichts passiert wäre. Wir sprachen ganz heiter fort über gleichgültige Dinge. […]“

Erst am folgenden Tag äußerte sich Goethe indirekt über die Todesnachricht.

 

Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

(15. Februar 1830, Auszug)

Der Tod ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, unerachtet aller Erfahrung,
bei einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas
Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit,
die plötzlich zur Wirklichkeit wird.
Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere,
von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die
Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.