Louis Marcoussis (1883-1941)

Nature morte (Stillleben), 1920
Gemälde
Moderne Galerie

 

Louis Marcoussis, dessen eigentlicher Name Louis Markus war, entstammte – 1883 geboren – einer jüdischen Industriellenfamilie aus Warschau. Nachdem er zunächst ein Jurastudium begonnen hatte, wechselte er 1901 zur Kunstakademie in Krakau und kam ins Atelier des polnischen Impressionisten Stanislawski. 1903 ging Marcoussis dann nach Paris und studierte zusammen mit Roger de la Fresnaye an der Académie Julian bei Jules Lefevres. In dieser Zeit stand er dem Impressionismus nahe und verdiente seinen Lebensunterhalt im übrigen als Karikaturist und Illustrator verschiedener Zeitschriften.

Um 1910 begegnete er Picasso, Braque und dem Dichter Apollinaire und wandte sich dem Kubismus zu. Zunächst waren es die Gegenstände facettierender Formen des analytischen Kubismus, die seine Malerei beeinflussten. 1912 wurde er Mitglied der Gruppe „Section d’Or“ (Goldener Schnitt), die sich im Oktober des Jahres in der Galerie La Boétie in Paris erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. […]

Um 1912 vollzog sich zudem der Wandel vom analytischen zum synthetischen Kubismus, der die Formen nicht mehr zerlegte, sondern die Kompositionen in klar umrissenen Farbflächen zusammenfasste, die in ihrer Staffelung wie auch durch Farbwirkungen räumliche Elemente einschlossen. Juan Gris, dem Marcoussis nahestand, war einer der entscheidenden Vertreter des synthetischen Kubismus.

Marcoussis‘ 1920 entstandenes Stillleben greift die Formen des synthetischen Kubismus auf. Das Stillleben berücksichtigt die immer wieder in Gemälden der Kubisten herangezogenen, auf ihre Grundformen reduzierten Gegenstände von Flasche, Glas, Apfel und Messer auf einem Tisch. Klar erkennbar sind die durch die Flächen bezeichneten Raumschichten, vor denen sich die Gegenstände positiv oder negativ abheben. Der weitgehend gelöste Realitätsbezug wird nicht allein durch die Gegenstände des Stilllebens gewahrt. In der überlagerten grauen Fläche des Hintergrunds deutet sich vielmehr der Rahmen einer Tür an, und auch die imitierte Holzmaserung in Tisch und Fußboden sowie die Strukturen einer Tischdecke enthalten einen Verweis auf Realität. Die blaue Rahmung hingegen evoziert die Vorstellung eines Bildes im Bild, durch die die Autonomie der Darstellung, letztlich ihre eigengesetzliche Bildwirklichkeit hervorgehoben wird. Das Stillleben ist als Hinterglasbild angelegt, eine Technik, die – von den Malern des „Blauen Reiter“ in der Tradition bayerischer Volkskunst vielfach genutzt – innerhalb der Malerei des Kubismus eher ungewöhnlich ist.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

 

 

Begleitende Lyrik

Paul Klee (1879-1940)

Der Schweizer Künstler Paul Klee war vielseitig begabt. 1879 in Münchenbuchsee bei Bern geboren, studierte er zunächst Grafik an einer privaten Malschule, hernach an der Akademie der Bildenden Künste in der Malklasse von Franz von Stuck in München. Von 1902 bis 1906 verdiente Klee seinen Lebensunterhalt als Geiger bei der Bernischen Musikgesellschaft. Ab 1921 war er als Werkstattmeister am Bauhaus in Weimar tätig und ab 1926 ebenso in Dessau. Weniger bekannt sind bis heute Klees Gedichte und Texte. „Dichter malen mit Worten, Maler schreiben mit Bildern. Manche können beides“, so Paul Klee. Das traf auch auf ihn selbst zu, der zuweilen auch als der dichtende Maler oder auch als malender Dichter bezeichnet wurde.

1920 – als Marcoussis sein kubistisches Gemälde schuf – entstand Klees Gedicht  „Diesseitig bin ich gar nicht fassbar“. Diese erste prägnante Zeile ist auch auf Paul Klees Grabstein eingraviert.

 

Diesseitig bin ich gar nicht faßbar.
Denn ich wohne grad so gut bei den Toten,
wie bei den Ungeborenen.
Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich.
Und noch lange nicht nahe genug.

Geht Wärme von mir aus? Kühle??
Das ist jenseits aller Glut gar nicht zu erörtern.
Am Fernsten bin ich am frömmsten.
Diesseits manchmal etwas schadenfroh.
Das sind Nuancen für die eine Sache.
Die Pfaffen sind nur nicht fromm genug, um es zu sehn.
Und sie nehmen ein klein wenig Ärgernis, die Schriftgelehrten.