Max Slevogt (1868-1932)

Selbstbildnis mit steifem Hut, 1912
Gemälde
Moderne Galerie

 

Im Sommer 1912 hielt sich Slevogt in Berlin auf. Am Wannsee in Neu-Cladow malte er Badende und Reiter im See, Segelboote, den Garten und die Terrasse der Villa seines Freundes Johannes Guthmann, dessen Gartenpavillon er im Sommer zuvor mit heiter-schwerelosen, von der Musik Mozarts inspirierten Dekorationen ausgemalt hatte. Es entstanden Gemälde, die eine großbürgerlich entspannte Atmosphäre vor den Toren Berlins wiedergeben, wie sie sich auch in gleichzeitigen Werken Max Liebermanns findet. In der sommerlichen Heiterkeit dieser Bilder kommt Slevogt der Malerei des französischen Impressionismus nahe, der seine uneingeschränkte Bewunderung galt. Sein "Selbstbildnis mit steifem Hut" ordnet sich ebenfalls diesen Sommerbildern des Jahres 1912 zu und zeigt Slevogt vor dem Hintergrund einer sonnig-hellen Großstadtstraße. […]

1912 stellt sich Slevogt in dunklem Anzug mit Melone, Zigarre rauchend in einer Straße dar. Eine Litfaßsäule im Hintergrund verweist auf Modernität und urbane Umgebung. In fast flüchtiger Pinselführung werden die Licht- und Schattenzonen der Straße, die Reflexe des Sommerlichts im Gesicht des Portraitierten festgehalten. Die Skizzenhaftigkeit des Farbauftrags vermittelt etwas von der Nervosität und Angespanntheit des modernen großstädtischen Lebens.

Das Portrait erweckt den Eindruck einer flüchtigen Begegnung. Der Betrachter wird einbezogen, wird zum Passanten, den der Blick des vorübergehenden Slevogt trifft, der sich im nächsten Moment bereits neuen Gegebenheiten zuwenden wird. Slevogt portraitiert sich als städtischen Spaziergänger, als Flaneur, der sich – umherschweifend und durch eine Vielzahl immer neuer Ereignisse gefesselt – den Attraktionen des Augenblicks überlässt. In diesem momentanen Charakter verbindet sich Slevogts Gemälde den Straßenbildern der französischen Impressionisten, in denen der Eindruck des Flüchtigen, Transitorischen vielfach durch eine gleichsam photographische Auffassung der Bildkonzeption unterstrichen wird. Der Spaziergänger in der Stadt, der – sich selbst bewegend – eine in dauerndem Wandel begriffene Welt aufnimmt, gehört zu den zentralen Motiven des Impressionismus. […]

Slevogt portraitiert sich 44jährig in der Mitte des Lebens zwischen Licht und Schatten, im Bewußtsein des Fortschreitens auch des eigenen Lebens und mit Wissen um den Ernst des unwiederbringlichen Augenblicks.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

Das "Selbstbildnis mit steifem Hut" gelangte 1982 mit Eingliederung der Sammlung Kohl-Weigand in die Stiftungsbestände. Die Moderne Galerie besitzt zudem ein weiteres "Selbstbildnis auf der Terrasse von Neukastel" von Slevogt aus dem Jahr 1918/19, das bereits 1958 erworben wurde.

 

Begleitende Lyrik

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Rilkes Gedichtsammlung mit dem Titel „Stunden-Buch“ umfasst drei „Bücher“. Das „Erste Buch“ (Die Gebete) entstand im September/Oktober 1899 in Berlin-Schmargendorf, das „Zweite Buch“ vom 18. bis 25. September 1901 in Westerwede und das „Dritte Buch“ vom 13. bis 20. April 1903 in Viareggio. Der Erstdruck der Sammlung erschien unter dem Titel „Das Stunden-Buch, enthaltend die drei Bücher Vom mönchischen Leben, Von der Pilgerschaft und Von der Armuth und vom Tode“, im Dezember 1905 im Leipziger Insel-Verlag. Zu Rilkes Lebzeiten erschienen vier weitere Auflagen mit knapp 60.000 Exemplaren.

Über das Stundenbuch schrieb Rilke am 21. Oktober 1924 an den Literaturwissenschaftler Hermann Pongs (der ihm einen „Frage-Bogen“ geschickt hatte, den Rilke mit einem 14seitigen Brief beantwortete): „Viele meiner „Neuen Gedichte“ haben sich gewissermaßen selbst geschrieben, in endgültiger Form, oft mehrere an einem Tage, und als ich das "Stundenbuch" schrieb, hatte ich das Gefühl, dass sich die Auslösung so leicht vollzogen hatte, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben. Das "Stundenbuch" ist übrigens keine Sammlung, aus der man eine Seite oder ein Gedicht entnehmen kann, wie man eine Blume pflückt. Mehr als jedes andere meiner Bücher ist es ein Gesang, ein einziges Gedicht, in dem keine Strophe von ihrem Platz gerückt werden kann, ebenso wie die Adern eines Blattes oder die Stimmen eines Chors.“

Seit Rilke am 26. August 1902 von Westerwede aus nach Paris gereist war, um dort eine Monografie über Auguste Rodin zu schreiben, war auch sein Versuch mit Clara eine bürgerliche Existenz aufzubauen, endgültig gescheitert. Heimatlosigkeit wird in den folgenden Jahren sein Leben bestimmen, denn er reist viel, wohnt entweder in Hotelzimmern oder ist Gast bei seinen Gönnern und Förderern. Von Ende August 1902 bis Ende März 1903 lebt Rilke in Paris, von wo er sodann – in einer Krise begriffen – nach Viareggio weiterzieht. Die Großstadt Paris und ihre „Unnatur der Gärten, Menschen und Dinge“ empfand Rilke als „bange Stadt“, die ihn ängstigte.

In zahlreichen Gedichten des „Dritten Buches“ verarbeitet er das Thema „Großstadt“ („Nur nimm sie wieder aus der Städte Schlund“; „Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind“), so auch im folgenden Gedicht, das am 19. April 1903 entstand. Entsprechend Rilkes Erläuterungen an Hermann Pongs, dass das „Stunden-Buch“ ein einziges großes Gedicht sei, haben die einzelnen Gedichte auch keine Titel.

 

Die Städte aber wollen nur das Ihre

und reißen alles mit in ihren Lauf.

Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere

und brauchen viele Völker brennend auf.

 

Und ihre Menschen dienen in Kulturen

und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,

und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren

und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,

und fühlen sich und funkeln wie die Hure

und lärmen lauter mit Metall und Glas.

 

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,

sie können gar nicht mehr sie selber sein;

das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte

und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein

und ausgeholt und warten, dass der Wein

und alles Gift der Tier- und Menschensäfte

sie reize zu vergänglichem Geschäfte.