Auguste Rodin (1840-1917)

Polyphem, um 1888
Gips
Moderne Galerie

 

Am 16. August 1880 erhielt Auguste Rodin den staatlichen Auftrag ein Portal für das neu zu errichtende Kunstgewerbemuseum (Musée des Arts Decoratifs) zu gestalten. Rodin plante eine monumentale Bronzetür mit Motiven aus Dante Alligheries „Göttlicher Komödie“. An einen Freund schrieb Rodin: „Ich bin mit dem Studium des Dante'schen Werks beschäftigt. Bevor ich mit der eigentlichen Arbeit beginne, muss ich versuchen, mich in den Geist dieses bemerkenswerten Dichters hineinzuversetzen.“

Rodin fokussierte sich auf den ersten Teil der „Göttlichen Komödie“, nämlich das „Inferno“. Ursprünglich sollte das Hauptportal elf Flachreliefs enthalten, als plastisches Vorbild diente Rodin die bronzene Nordportaltür des Baptisteriums San Giovanni in Florenz, die Lorenzo Ghiberti in den Jahren 1403 bis 1424 schuf. Sie gilt als Auftakt der Renaissance in Italien und ist zugleich das Hauptwerk der Florentinischen Renaissance.

Rodins Bronzetür wurde für den eigentlichen Bestimmungszweck nie final ausgeführt, weil der Neubau des Museums nicht realisiert wurde. Da Rodin im Laufe der Entstehungszeit der Bronzetür aber rund 30.000 Franc für den Entwurf erhalten hatte, konnte er die Tür nicht verkaufen. Eine „zweite“ Version – in Gips – zeigte Rodin jedoch auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900.

Rodins Bronzetür, die heute als „Höllentor“ (La porte de l’enfer) bekannt ist, gilt als sein Haupt- und Lebenswerk. Er arbeitete insgesamt 37 Jahre daran, und doch blieb das Werk unvollendet. Da der Entwurf der Tür nicht zur Ausführung gelangte, löste Rodin einzelne dafür vorgesehene Figuren heraus und entwickelte sie zu autonomen Werken. Zu den bekanntesten Figuren zählen „Der Denker“ und „Der Kuss“.

Das „Höllentor“ wurde erst 1926 – also 9 Jahre nach Rodins Tod – als Bronzeguss finalisiert.

Zu den insgesamt 186 Figuren des „Höllentors“ zählt auch die heute als „Polyphem“ bekannte Figur. Ein 24cm hoher Gipsabguss dieser Figur wurde 1979 für das Saarlandmuseum erworben. Weitere Gipsabgüsse befinden sich im Pariser Musée Rodin sowie in zwei amerikanischen Museen (Maryhill und Philadelphia), ferner existieren sieben Bronzegüsse dieser Figur.

Rodin isolierte die Figur des Polyphem gleich zweifach: Er löste sie nicht nur aus dem ursprünglich vorgesehenen Kontext des „Höllentores“, sondern auch aus einer Dreiergruppe, bestehend aus Polyphem sowie dem Liebespaar Acis und Galatea.

Von der eigentlichen Geschichte der Dreiergruppe - die auf Ovids „Metamorphosen“ zurückgeht, und von der nicht erwiderten Liebe des Riesen Polyphem zur Meernymphe Galatea erzählt – stellt Rodin den Augenblick dar, in dem Polyphem auf einem Felsen stehend, das darunter befindliche Liebespaar belauscht (und die Beiden hernach mit einem Felsstück attackiert und Acis zunächst getötet wird).

Bei der im Saarlandmuseum befindlichen Figur des „Polyphem“ ist nur der Riese selbst mit angewinkeltem Bein auf dem Felsen erhalten. Das ursprünglich unter dem Fels dargestellte Liebespaar wurde entfernt. Dieser isolierten Figur des „Polyphem“ gab Rodin in der Folge auch weitere Bezeichnungen wie „Narziss“ oder „Milon von Kroton“ und setzte sie damit in einen neuen Assoziationskontext.

Die Saarbrücker Gipsstatuette (wie auch weitere Gipse und Bronzen dieser Ausführung) hat Rodin mit einer Widmung versehen: „A mon ami Guerard“.

(Dr. Elke Schwarz, Fördergesellschaft)

 

Begleitende Literatur

Anatole France (1844-1924)

Der 1844 in Paris geborene Schriftsteller und Literaturkritiker Jaques-Anatole François Thibault, besser bekannt unter dem Namen Anatole France, feierte im Jahr 1881 seinen literarischen Durchbruch mit dem Roman Le Crime de Sylvestre Bonnard, membre de l'Institut (Das Verbrechen Sylvestre Bonnards, Mitglied des Instituts).

1921 erhielt France den Literaturnobelpreis. Ein Jahr später setzte der Vatikan den Schriftsteller auf das „Verzeichnis der verbotenen Bücher“ (Index librorum prohibitorum, auch bekannt als „Index Romanus“). Der Index librorum prohibitorum war als Verzeichnis gedacht, all jene Bücher aufzulisten, deren Lektüre für Katholiken als schwere Sünde galt und daher verboten war. Dieses Verzeichnis wurde erst seit 1966 nicht mehr fortgeführt. (Weitere Autoren dieser Liste sind u.a. Gustave Flaubert (1864, mit seinem Werk „Madame Bovary“), 1894 Emile Zola (alle Werke), 1948 Jean-Paul Sartre (alle Werke) oder 1952 André Gide (alle Werke), der 1947 ebenfalls den Literaturnobelpreis erhalten hatte).

Anatole France besuchte im Frühsommer 1900 die Weltausstellung in Paris, bei der Rodins erste Gipsfassung des „Höllentors“ präsentiert wurde.

In der Zeitung „Le Figaro“ schrieb France über das „Höllentor“:

„Monstern werden Sie in der Hölle Rodins nicht begegnen. Die Hölle, das ist das menschliche Dasein, das ist der unaufhaltsame Ablauf der Zeit, das ist dieses ganze Leben, in dem man unaufhörlich stirbt. Man wird nicht umhin können, diese Traurigkeit und diese Schmerzen aus dem Werk eines Meisters herauszulesen, der es verstanden hat, die geradezu spürbare Ermüdung des Fleisches, das vom Leben unaufhörlich verzehrt wird, mit unvergleichlicher Kraft auszudrücken. […] Und voller Anteilnahme entdecke ich, dass die Hölle Rodins nicht mehr die Hölle der Rache ist, sondern eine Hölle des Zartgefühls und des Erbarmens.“