Volutenkrater (Weinmischkessel)

apulisch, 4. Jh. v. Chr.

Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken (Dauerleihgabe der Villeroy & Boch AG)

 

„Eine wundervolle Amphora (Mischkrug) aus dem 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr. sahen wir. Ihr Bildschmuck zeigt eine Totenapotheose. Zwei Männergestalten in der vollendeten Ausführung des 4. Jahrhunderts stehen einander gegenüber. Von den Seiten, oben und unten treten Frauen mit Kästchen hinzu. Sie bringen Geschenke und Opfer. Der Grieche sah im Tode das Leben. Daher vermeiden seine Darstellungen alles, was an Trauer erinnert. Ihm ist der Tod der Bruder des Schlafes; er ist schön wie dieser, nicht schrecklich. Gerade diese Gefäßmalerei ist von großer Bedeutung für die Sittengeschichte der Alten. Der ganze Kreis des Lebens mit all seinen heiteren und traurigen Momenten findet sich in den Vasenbildern verewigt.“ (J. H. Kell, Geschichte des Kreises Merzig, 1925)

Ob durch seine Größe, seine üppige Bemalung, sein seltenes Bildmotiv – dieser große Volutenkrater war eines der Hauptstücke in der Antikensammlung des Keramikfabrikanten Eugen von Boch, das Besucher seines Privatmuseums am Villeroy & Boch Firmenstammsitz in Mettlach am stärksten in seinen Bann zog. Seit 2016 befindet sich das prächtige Beispiel unteritalischer Vasenmalerei als Dauerleihgabe im Museum für Vor- und Frühgeschichte und ist im Foyer dauerhaft ausgestellt.

In obiger Besucherbeschreibung von 1925 wird das Gefäß fälschlicherweise als Amphora bezeichnet, gefäßtypologisch handelt es sich jedoch korrekter um einen sog. Krater. Dies ist ein Weinmischgefäß für das griechische Gastmahl, in dem Wein und Wasser gemischt wurden. In der Vorstellung der Griechen tranken nur Barbaren Wein pur, da dies schnell die Sinne benebelt. Der Typus „Volutenkrater“ leitet sich ab aus den beiden schneckenartigen „Ohren“, sog. Voluten (lat. volutum = das Gerollte), in denen die Henkel enden. Die Schnecken sind bei diesem Objekt nicht zu sehen, da die Voluten mit plastischen Masken, nämlich Medusenhäuptern, verziert sind.

Das Hauptmotiv auf der Gefäßwandung zeigt eine Naïskos-Szene. In dem Naïskos (dem angedeuteten Tempelchen) befinden sich zwei Jünglinge. Der Rechte sitzt auf seinem Manteltuch, in der einen Hand einen Speer haltend, in der anderen eine Trankopferschale seinem Gegenüber darbietend. Dieser, seine Chlamys, das griechische Manteltuch, über die Schulter geworfen, hält erhoben einen Kantharos (Trinkgefäß mit hochgezogenen Henkeln) und eine Situla, ein eimerartiges Gefäß, das auch zum Weinmischen verwendet wurde. An der Rückwand hängt über dem Sitzenden ein konisch geformter Pilos-Helm. Dargestellt ist ein Totenopfer. Der Verstorbene ist die sitzend dargestellte Figur, da das Sitzen dem Toten eine besondere Würde verleiht. Speer und Helm charakterisieren ihn als Krieger. Die stehende Figur ist der Opferbringer, der mit zwei Weingefäßen dem Toten als Opferempfänger ein Trankopfer darbringt, indem er Wein in die ihm entgegen gehaltene Opferschale gießt. Außerhalb des Naïskos sind noch vier weitere Figuren (drei Frauen und ein Mann) zu sehen, davon eine mit einem rechteckigen Kästchen, zwei mit runden, letztere Cista genannt. Auch sie sind als Opferbringer/-innen zu verstehen, die dem Toten Willkommensspenden und Opfergaben bringen. Die Cista kann z.B. Speisen für den Toten beim Totenmahl enthalten.

Die Rückseite zeigt ebenso eine Szene mit Bezug zum Totenkult. Im Zentrum befindet sich ein pfeilerartiges Grabmal, um das eine weiße und schwarze Binde geschlungen sind. Die Binden, sog. Taenien, sollen im Trauer- und Begräbniskontext zeigen, dass das umschlungene Objekt den Göttern geweiht ist. Oben auf befindet sich eine Patera, eine große flache Opferschale – Grabmäler in Form verschiedener Vasi, der Oberbezeichnung für antike Gefäße, waren im antiken Griechenland nicht unüblich. Aus der Sockelplatte des Grabmals wächst eine Pflanze. Diese könnte ein Myrtenbäumchen sein. Die Myrte war eine typische Grabpflanze, aus der auch Grabschmuck angefertigt wurde – schon Elektra hatte das Grab ihres königlichen Vaters Agamemnon mit Myrte geziert. Möglich wäre auch Lorbeer als Deutung – als Zeichen der Reinigung und Entsühnung im Grabkontext ebenso beliebt. Auf der anderen Seite steht ein Korb, vermutlich Opfergaben enthaltend. Das Grabmal flankieren zwei Frauenfiguren mit Spiegel und Fächer, eigentlich weibliche Hochzeitsattribute, die in die Bildsprache von Frauen-Grabmälern gehören. Es kam jedoch auch vor, dass in Unkenntnis der ikonographischen Bedeutung Vasenmaler Attribute und Opfergaben auf Männer- und Frauengrabmälern vermischten.

Solche Naïskos-Szenen in der Vasenmalerei sind vorwiegend in der 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr. entstanden. Motivisch und stilistisch lässt sich der Volutenkrater der apulischen Vasenmalerei Unteritaliens zuordnen. Der genaue Fundort ist unbekannt – das Objekt ist bereits im 19. Jahrhundert in die Sammlung und so ins Saarland gekommen. Aufgrund des Motivs ist jedoch zumindest ein Grabkontext als Fundumfeld anzunehmen – Naïskos-Vasen wurden nahezu ausschließlich in Nekropolen (antiken Friedhöfen) gefunden. Solche Grabbeigaben dienten vermutlich als Statussymbole der lokalen, einheimischen Führungseliten, die sich mit edlen Importwaren aus griechischen Kolonien an den Küsten Unteritaliens schmückten.

(Thomas Martin, Sammlungsleiter, Museum für Vor- und Frühgeschichte)

 

Begleitende Lyrik

Charles Baudelaire (1821-1867)

Charles-Pierre Baudelaire, 1821 in Paris geboren und 1867 ebenda gestorben, war zu seinen Lebzeiten nur einem kleinen Kreis als Schriftsteller bekannt. In der Öffentlichkeit war er vornehmlich als Literatur- und Kunstkritiker geschätzt. Das änderte sich 1857 mit Veröffentlichung der Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen), die wie kaum ein anderes Werk des 19. Jahrhunderts die europäische Lyrik der Moderne beeinflusst hat. Für die nachfolgende Generation der Symbolisten Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé sowie Arthur Rimbaud gab er wichtige Impulse. Baudelaire wurde die öffentliche Anerkennung zu Lebzeiten jedoch nicht zuteil.

Die in der Sammlung „Les Fleurs du Mal“ enthaltenen Gedichte waren bereits seit ca. 1840 entstanden und zum Teil auch vereinzelt publiziert worden. Zunächst hatten die 100 nach Themen geordneten Gedichte nur bescheidenen Erfolg, das ändert sich als Baudelaire im Juli 1857 in einem Strafprozess für sechs „obszöne und unmoralische Gedichte“ wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ verurteilt wurde. Die Pariser Strafkammer belegte ihn mit einer Geldstrafe von 300 Francs, verbunden mit der Auflage sechs Gedichte aus der Sammlung zu streichen.

Baudelaire schrieb noch viele Jahre später, im Oktober 1864, an den Notar Narcisse Ancelle in einem Brief: „Viele Leute haben sich mit der Neugier von Gaffern um den Autor der Fleurs du Mal gedrängt. […] Der Autor der fraglichen „Fleurs“ konnte ja nichts anderes als ein monstruöser Exzentriker sein. Alle diese Luder haben mich für ein Ungeheuer gehalten, und als sie erkannten, daß ich kalt, maßvoll und höflich war […], haben sie (wie ich vermute) festgehalten, ich sei gar nicht der Autor meines Buches… Welch komische Vermengung von Autor und Gegenstand! Dieses verfluchte Buch (auf das ich sehr stolz bin) muß wohl recht dunkel sein, recht unverständlich! Ich werde lange darunter zu leiden haben, daß ich das Böse mit einigem Talent darzustellen wagte.“

Zum Thema „Der Wein“ sind in den „Les Fleurs du Mal“ insgesamt fünf Gedichte versammelt, die u.a. Titel tragen wie „Der Wein der Lumpensammler“ oder „Der Wein des Mörders“; dazu zählt auch „Die Seele des Weins“ (CIV). Die nachfolgende Übersetzung stammt von Carlo Schmid (1896-1979), der neben seiner Professur für öffentliches Recht und Politische Wissenschaft auch als Übersetzer der Werke von Baudelaire und Malraux tätig war. Der SPD-Politiker war von 1966-1969 auch Bundesratsminister. Seine Übersetzung der Fleurs du Mal aus dem Jahr 1947 gilt heute noch als wegweisend.

 

Die Seele des Weins

Des Weines Seele sang im Glase diesen Abend:

„O Mensch, Enterbter, den ich liebe, aus mir bricht

Aus Haft von Glas und rot beglänztem Wachs dich labend

Ein Lied zu dir empor voll Brudersinn und Licht.

 

Ich weiß die Mühen wohl, die auf dem Berg in Gluten

Es kostet, wieviel Schweiß und wieviel Sonnenschein,

Bis dann das Leben und die Seele in mich fluten;

Doch ich will dankbar und kein Schelmenbruder sein,

 

Denn ich verspüre Lust ohnmaßen, wenn ich falle

In eines Mannes Brust, den seine Arbeit frißt,

Und warmen Busens Gruft ist eine süße Falle,

Wo mir viel wohler als im kalten Keller ist.

 

Hörst Du der Lieder Hall an blauen Feiertagen

Und wie die Hoffnung perlt im Zittern meiner Brust?

Die Arme auf dem Tisch, die Ärmel aufgeschlagen

Wirst du mich rühmen und wird dir ein Glück bewußt.

 

In deines Weibes Aug glüh ich mit neuem Brande;

Ich gebe Deinem Sohn die Kraft und frisches Blut

Und bin dem Zarten auf des Lebens Ringersande

Das Öl, das Kämpfern neu mit Kraft tränkt Leib und Mut.

 

Doch in dich selbst dies Mark der Himmelsrose rinne

- Besamend Naß, das uns der Ewige Säman gießt-,

Daß ein Gedicht ersteh im Schoß unsrer Minne,

Das seltener Blume gleich zu Gottes Throne sprießt!“