Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Bildnis Botho Graef, 1914
Schwarze und farbige Kreiden auf Papier
Grafische Sammlung

 

Die persönliche Bekanntschaft von Ernst Ludwig Kirchner und Botho Graef währte nur drei Jahre. Sie lernten sich im Februar 1914 bei einer Ausstellungseröffnung im Kunstverein in Jena kennen.

Der 1857 in Berlin geborene (Franz) Botho Graef hatte seit 1904 bis zum seinem Tod im Jahr 1917 eine außerordentliche Professur für Archäologie an der Universität Jena inne. Hier war er 1903 auch für die Gründung des Jenaer Kunstvereins verantwortlich, zudem verfasste er Rezensionen über die im Kunstverein gezeigten Ausstellungen.

Ernst Ludwig Kirchner und Ausstellungskurator Eberhard Grisebach hatten Botho Graef als Laudator für Kirchners erste große Ausstellung in Jena gewinnen können, die vom 15. Februar bis 8. März 1914 gezeigt wurde. In den folgenden Jahren (bis zu Graefs Tod 1917) entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Kirchner und Graef, die nicht nur in Briefen, sondern auch in Gemälden dokumentiert ist. Dazu zählt u.a. ein Portrait Graefs mit dem Titel „Musikzimmer“ aus dem Jahr 1914, das heute im Kunstmuseum Düsseldorf aufbewahrt wird, sowie ein weiteres Gemälde mit dem Titel „Graef und Freund“ (1914).

Neben einem heute im Jenaer Kunstverein verwahrten Holzschnitt mit dem Portrait Graefs aus dem Jahr 1915 ist auch eine von Kirchner aufgenommene Schwarz-Weiß-Fotografie überliefert, die Botho Graef vor dem Gemälde „Badende im Raum“ in Kirchners Berliner Atelier zeigt. Eine Abbildung dieser Fotografie ist aktuell auch in der Ausstellung „Welt – Bühne –Traum“ des Saarlandmuseums zu sehen, da das Gemälde (hinter Graef) noch in seiner ersten Fassung aus dem Jahr 1909 zu sehen ist (Kirchner übermalte es 1926).

Graef schrieb 1916 an den Ausstellungskurator Eberhard Grisebach wie er sich für Kirchner und die Finanzierung eines notwendigen Sanatoriumsaufenthaltes einsetzte (Kirchner hatte im November 1915 einen Nervenzusammenbruch erlitten):  „Sie wissen, dass Kirchner sich in einem hoffnungslosen Zustand befindet. Ich bin eben dabei, an seine Gönner zu schreiben, damit die Mittel zusammenkommen, ihn in eine Heilanstalt zu einer Kur zu befördern, die vielleicht einen vorübergehenden Erfolg haben kann. Aber man muss leider damit rechnen, dass er vielleicht wie Nietzsche jahrelang in einem hilflosen Zustand leben wird. Dann wird man versuchen müssen, aus dem Verkauf seiner Werke die Mittel dazu zu gewinnen.“

Als Botho Graef im April 1917 starb, kommentierte Kirchner den Herztod seines väterlichen Freundes in einem Brief an Eberhard Grisebach: „Ich möchte selbst tot sein. [...] Er hat so unendlich viel Gutes an mir getan. […] Mir ist, als wenn mein Vater tot wäre, mehr, viel mehr.“

Ein Jahr später schenkte Ernst Ludwig Kirchner der Kunstsammlung Jena insgesamt 260 grafische Arbeiten, die er unter dem Namen Botho-Graef-Gedächtnis-Stiftung zusammenfasste.

Das 1982 mit Eingliederung der Sammlung Kohl-Weigand in den Besitz des Saarlandmuseums gelangte Blatt – Botho Graef vorstellend – skizziert mit markanten Strichen in Blau und Braun Graefs Physiognomie mit dem auffälligen Spitzbart.

(Dr. Elke Schwarz, Fördergesellschaft)

 

 

Begleitende Lyrik

Alfred Wolfenstein (1883-1945)

Alfred Wolfenstein, 1883 in Halle geboren und 1945 durch Suizid in einem Pariser Krankenhaus gestorben, gehört neben Jakob van Hoddis und Georg Trakl zu den Vertretern des literarischen Expressionismus in Deutschland. Der nach einem Studium der Rechtswissenschaften als Gerichtsrefendar arbeitende Wolfenstein veröffentlichte 1912 sein erstes Gedicht in der Zeitschrift „Aktion“. Zwei Jahre später erschien sein erster Gedichtband „Die gottlosen Jahre“. Wolfensteins 1919/1920 herausgegebener Band „Die Erhebung. Jahrbuch für Neue Dichtung und Wertung“ gilt neben der von Kurt Pinthus ebenfalls 1919 herausgegebenen Lyrikanthologie „Menscheinheitsdämmerung“ (ursprünglicher Titel „Symphonie jüngster Dichtung“) als wichtigste Sammlung expressionistischer Lyrik (die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ fiel 1933 der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer).

Daneben arbeitete Wolfenstein auch als Übersetzer französischer Lyrik. Für seine Übersetzungen von Arthur Rimbaud erhielt er 1930 den ersten deutschen Übersetzerpreis der Frankfurter Goethe-Universität.

Der Pazifist Wolfenstein emigrierte 1933 zuerst nach Prag, dann zog er weiter nach Paris, wo er ab 1944 unter dem Decknamen Albert Worlin bis zu seinem Suizid im Untergrund lebte.

In Wolfensteins 1914 erschienenem Sammelband „Die gottlosen Jahre“ ist auch das Sonett „Städter“ enthalten. Es handelt von der Anonymität der Großstadt sowie dem Gedränge und der gleichzeitigen Einsamkeit des Individuums.

 

Städter

Nah wie Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

 

Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

Leute, wo die Blicke eng ausladen

Und Begierde ineinander ragt.

 

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,

Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

 

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle

Unberührt und ungeschaut

Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.