Madonna mit Kind

2. Viertel 14. Jahrhundert
Kalkstein
Museum in der Schlosskirche

 

In etwas kleinerem Maßstab wiederholt die Saarbrücker Marienskulptur den besonders häufigen lothringischen Typus mit breiter Hauptansichtsseite, gedrungenen Proportionen und schürzenartig vor den Körper gezogenem Mantel. Sie ist aus sehr hellem und feinem Kalkstein (pierre blanche) gearbeitet, dessen Oberfläche noch deutliche Spuren der Steinbearbeitung aufweist – Spuren, die durch eine anschließende Fassung überdeckt wurden. Reste einer älteren Polychromierung, bei der die üblichen Farben Grün, Rot und Blau für Gewandstoffe sowie Gelbgold für Haare und Kleidersäume dominierten, sind erhalten.

Darstellungen der Muttergottes mit dem Christusknaben betonen die Menschwerdung des Gottessohnes, die sich in seiner Geburt durch Maria vollzieht. Durch das Rosenattribut des Zepters, den über die Mantelschürze sichtbar bleibenden Gürtel, die Krone Marias und den Stieglitz in der Hand des Kindes entsteht eine komprimierte Darstellung wichtiger heilsgeschichtlicher Aspekte in symbolhafter Bildsprache, die einen Bogen von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter (rosa mystica im Rosenzepter), ihrer Jungfräulichkeit (Gürtel) und Eigenschaft als Himmelskönigin (Krone) bis zur Erfüllung der Heilsgeschichte im Opfertod Christi schlägt.

Die 1963 durch Tausch mit dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für die Sammlungen des Saarlandmuseums erworbene Madonnenfigur soll sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in einer Kirche im ungarischen Paks befunden haben, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg in den Kunsthandel und schließlich nach Schleswig gelangte. Zu welchem Zeitpunkt die Skulptur nach Ungarn kam […] ist unklar. Geht man davon aus, dass die Figur bereits sehr früh in Paks zur Aufstellung kam, dann läge hier der weiteste bisher bekannte „Export“ einer Skulptur lothringischer Herkunft vor, für den es in geringeren geographischen Distanzen weitere Beispiele in Trier, Aachen oder donauabwärts im bayerischen Kaisheim gibt.

(Dr. Eva Leistenschneider, in: Lothringische Skulptur des 14. Jahrhunderts, 2006)

 

 

Begleitende Lyrik

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Rainer Maria Rilke lernte im Mai 1897 die 14 Jahre ältere Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé kennen und lieben (siehe weitere Details in Kunstquarantäne 46). Bei ihrem ersten Rendezvous las er ihr aus seinen aktuellen „Christus-Visionen“ vor und schenkte ihr die 1896 beim Verlag Friesenhahn erschienene Sammlung „Traumgekrönt“ mit einem Widmungsvers.

Der Band „Traumgekrönt“ enthält auch das Gedicht „Es gibt so wunderweiße Nächte“ (Nr. XXI).

 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,

drin alle Dinge Silber sind.

Da schimmert mancher Stern so lind,

als ob er fromme Hirten brächte

zu einem neuen Jesuskind.

 

Weit wie mit dichtem Demantstaube

bestreut, erscheinen Flur und Flut,

und in die Herzen, traumgemut,

steigt ein kapellenloser Glaube,

der leise seine Wunder tut.