Kunst in Quarantäne 2.0

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Badende im Raum, 1909/ nach 1926
Öl auf Leinwand
Moderne Galerie

Mit Ernst Ludwig Kirchners monumentaler Atelierszene Badende im Raum (1909/nach 1926) besitzt die Moderne Galerie des Saarlandmuseums eines der Haupt- und Schlüsselwerke des deutschen Expressionismus. Seit seiner Erwerbung im Jahr 1960 zählt das Bild zu den prominentesten Marksteinen der Saarbrücker Sammlung.

Die vielschichtige Darstellung hat Kirchners Wohnatelier der Jahre 1909-11 in der Dresdner Friedrichstadt zum Thema. Dieser unkonventionell gestaltete Lebens- und Arbeitsraum, in dem eine Fülle maßgeblicher „Brücke“-Werke entstand, ist als eine der Geburtsstätten des Expressionismus anzusehen. Zusammen mit seinen Künstlerfreunden, Partnerinnen und Modellen ließ Kirchner hier eine Welt erstehen, die das Ideal eines vermeintlich natürlichen Lebens propagierte und sich als radikaler Gegenentwurf zu den bürgerlichen Zwängen der wilhelminisch geprägten Gesellschaft verstand. So diente den Brücke-Künstlern das Atelier als Bühne für die Erschaffung einer eigenen Kunst- und Lebenswelt, in der die Inszenierung der „Natürlichkeit“ von People of Colour sowie weiblicher und kindlicher Körper eine besondere Rolle spielte. 

Das Atelier in der Berliner Straße 80 hatte Kirchner mit eigenhändig gefertigten Möbeln und Textilien ausgestattet, deren exotischer Geist von seiner tiefgreifenden Faszination für die außereuropäischen Kulturen zeugt. Die besondere Atmosphäre dieses Raumes, seine assoziationsträchtige Einrichtung, die hier zelebrierten Zusammenkünfte mit Modellen, Freunden und Sammlern wurden in zahllosen Gemälden, Zeichnungen und Fotografien verbildlicht.

Das Saarbrücker Bild Badende im Raum verdichtet das Thema auf besonders ambitionierte und komplexe Weise und ist zugleich das großformatigste Gemälde (151 x 198 cm) dieser Werkgruppe.

Wie kaum ein anderes Werk vor 1910 erfasst Badende im Raum den radikalen Anspruch, den die Künstlergemeinschaft der „Brücke“ einforderte: der Entwurf freier, ganzheitlicher und von künstlerischer Energie durchwirkter Lebenswelten, in denen der von gesellschaftlichen Zwängen befreite Körper zum zentralen Thema wurde; die demzufolge unkonventionelle, in Form wie Sujet geradezu anarchische Auffassung der menschlichen Figur; die Aneignung von Traditionen und Formen außereuropäischer Kunst; die immer erneut unternommene Verbildlichung des individuellen Lebensumfelds als Synthese aus Exotik, Realität und eigenen Artefakten. Zugleich steht das Bild prototypisch für die – inhaltlich, werkgeschichtlich und konservatorisch relevante – Problematik der nachträglichen Um- und Überarbeitung kapitaler Werke im Schaffen Kirchners.

Einmal mehr stützt sich die aktuelle Ausstellung „Welt-Bühne-Traum – Die 'Brücke' im Atelier“ auf die besonderen Stärken der Modernen Galerie des Saarlandmuseums, auf den einzigartigen Eigenbestand und die im Haus seit Jahrzehnten betriebenen Forschungen. Ausgehend von 25 Arbeiten aus eigenem Besitz wird die Ausstellung anhand von 15 Gemälden und Skulpturen sowie rund 90 Arbeiten auf Papier die grundlegende Bedeutung des Atelier-Themas für das frühe, kollektive „Brücke“-Schaffen auf neue Weise erfahrbar machen.

Zugleich reflektiert sie die problematischen Facetten des weiblichen und kindlichen Akts im Werk der Dresdner Jahre, wobei sie auch die Repräsentation außereuropäischer Menschenbilder vor dem Hintergrund der rassistischen Kategorien des Kolonialismus im Kaiserreich kritisch unter die Lupe nimmt. Neben weiteren zentralen Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner werden Darstellungen von Erich Heckel, Karl Schmitt-Rottluff und Max Pechstein den Kosmos des „Brücke“-Ateliers ausleuchten.

Einen eigenen Schwerpunkt und eine eigene wissenschaftliche Dimension des Projekts bildet die umfassende maltechnische Analyse sowie restauratorische Sicherung des Hauptwerks Badende im Raum – eine Maßnahme, die bereits seit Langem ein wichtiges Desiderat darstellt. Kirchner hat das ab 1909 geschaffene Gemälde in den zwanziger Jahren überarbeitet und in seiner Farbigkeit weitreichend verändert. Hierin liegen tiefgreifende konservatorische Probleme begründet, zumal auch die Rückseite der Leinwand bearbeitet wurde, so dass ein ausgesprochen vielschichtiges, restauratorisch schwer zu behandelndes Materialgefüge entstanden ist. Auch die original erhaltene Aufspannung des Gemäldes ist eine Besonderheit, deren Erhalt bei der Konservierung besondere Beachtung zukommt. Verlauf und Perspektiven der Restaurierungsmaßnahme werden in einer eigenen Sektion der Ausstellung präsentiert werden.

(Stiftung Saarländischer Kulturbesitz)

 

Begleitende Lyrik

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Die 1869 in Wuppertal geborene und 1945 in Jerusalem gestorbene Lyrikern Else Lasker-Schüler zählt neben Georg Trakl und Georg Heym zu den bedeutenden Vertretern des literarischen Expressionismus in Deutschland.

Zu ihren bekanntesten Gedichten gehört „Ein alter Tibetteppich“, das erstmals am 8. Dezember 1910 in der Zeitschrift „Der Sturm“ (Nr. 41) abgedruckt wurde. Die erste Ausgabe der Zeitschrift, die Lasker-Schülers Ehemann Herwarth Walden herausgab, war im März 1910 als „Wochenschrift für Kultur und Kunst“ erschienen.

Bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung im „Sturm“ wurde das Gedicht erneut in der Zeitschrift „Die Fackel“ publiziert. Lasker-Schüler nahm das Gedicht 1911 auch in ihre Sammlung „Meine Wunder“ auf.

 

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit

Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?