Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Atelierszene, um 1910
Tuschfeder auf Japanpapier
Moderne Galerie (Ausstellung "Welt - Bühne - Traum")

 

Die Tuschfederzeichnung Atelierszene gibt einen intimen Einblick in Kirchners Wohn- und Arbeitswelt im Dresdner Atelier Berliner Straße 80. Das zwanglose Agieren der Modelle im Atelier, das Kirchner hier zum Thema macht, steht für die enge Verbindung von alltäglichem Leben und künstlerischen Schaffen der „Brücke“. Gleichzeitig erscheinen die drei Akte inmitten des von außereuropäischen Kulturen inspirierten Interieurs wie in einem Bühnenbild inszeniert. Neben dem charakteristischen Medaillon-Vorhang ist im Nebenraum ein weiterer von Kirchner gestalteter Wandbehang sichtbar.

Nicht akademische Richtigkeit, sondern kraftvolle Ursprünglichkeit, wie die Künstler sie in den Skulpturen und Reliefs Afrikas und Ozeaniens fanden, entsprachen ihren Formvorstellungen. Der spröde Charakter der Umrisslinien, die Schwarz-Akzentuierung einzelner Flächen, der das Eckig-Kantige betonende Zeichenstil Kirchners in dieser Zeit verdeutlichen seine Prägung durch außereuropäische Gestaltungsformen.

(Stiftung Saarländischer Kulturbesitz)

 

Die Zeichnung gelangte 1982 – zusammen mit 153 weiteren Arbeiten Kirchners - mit Eingliederung der Sammlung Kohl-Weigand in die Grafikbestände der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Kirchners grafisches und druckgrafisches Oeuvre ist im Saarlandmuseum mit insgesamt 230 Arbeiten repräsentativ vertreten.

 

Begleitende Lyrik

Klabund (1890-1928)

Alfred „Fredi“ Henschke, der vagabundierende Poet der Weimarer Republik, der sich selbst „Klabund“ nannte, publizierte bereits 1913 seinen ersten Gedichtband mit dem Titel „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“. Im gleichen Jahr begann er auch für die Zeitschriften „Pan“, „Jugend“ und „Simplicissimus“ zu arbeiten.

Im Jahr 1922 erschien die Sammlung „Das heiße Herz, Balladen, Mythen, Gedichte“ aus der das Gedicht „Der neue Mensch“ entnommen ist. (Weitere Informationen zu Klabund, siehe Kunstquarantäne Nr. 5, Der Tintenfisch).

 

Der neue Mensch

Mensch, es strömen die Jahrtausende
In dein offnes Herz. Der sausende
Flügelschlag der Zeit bestürme dich!
Halte fest der Promethiden Feuer,
Und in ihrem heiligen Glanz erneuer
Zart zu Faltern das Gewürme sich.

Gingest du nicht deinen Gott verkaufen
Unter Lächeln, Liebeln, Huren, Saufen?
War mit Gold gefüllt nicht Raum und Zeit?
Lern an reiner Quelle wieder trinken,
Lerne wieder liebend niedersinken
In die Kniee vor der Ewigkeit.

Aus den Kratern schweben die Dämonen,
Welche bei den schwarzen Engeln wohnen.
Und es steigt die süd- und nordsche Flut.
Schwing die Fackel deiner reinen Seele.
Horch: schon zwitschert wieder Philomele,
Und es schwirrt der Zukunft Adlerbrut.

Sollen Irre durch die Gassen taumeln?
Sollen Schwangere am Galgen baumeln?
Freiheit, welche mordet, ist nur Wahn.
Stosst hinab in tiefste Höllentiefen,
Wo noch immer nicht sie endlich schliefen,
Nero, Robespierre und Dschingiskhan.

Die ihr lebend starbet in den Grüften
Unsrer Städte: schwingt euch mit den Lüften
Eines neuen Frühlings in die Welt.
Liebe will sich liebend euch ergeben,
Lachend werdet ihr das Leben leben,
Wenn der morsche Tempel fällt!