Conrad Syfer

Prophet, um 1485
Skulptur (Eichenholz), Höhe: 25,5 cm
Alte Sammlung

 

Die „gotische Skulptur des Mittelalters“ ist keine homogene Erscheinung, sondern in höchstem Maße von der jeweiligen Region abhängig, der „Kunstlandschaft“, in der sie entstanden ist. Für das gesamte Mittelalter ist daher ein immenser, landschaftlich gebundener Reichtum in der Formensprache festzustellen, der dazu dient, christlich-religiöse Sinnstrukturen zu verbildlichen. […]

Der spätgotische Prophet aus Lebach entstammt vermutlich dem Rahmenwerk eines Schnitzretabels, das sich aus durchdringendem Ast- und Maßwerk zusammengesetzt hat, wie es z.B. beim Retabel von St. Martin in Stöckenburg (Schwaben) zu beobachten ist (dort befinden sich in der Rahmung zwölf Halbfiguren, die königlichen Vorfahren Christi).

Das Gestaltungszentrum des Lebacher Propheten lag links, erkenntlich an der Haltung der Arme , mit denen er dem Betrachter ein Spruchband präsentiert hat. Künstlerisch ist besonders das freie Herabhängen der Sendelbinde hervorzuheben, die vom Turban ausgehend in einfacher Drehung herabfällt.

Die „etwas zierliche, knappe Körperbildung gehört zum spätgotischen Stil um 1480-95, der zuweilen sehr spitze, spröde, lineare Formen liebt. Man darf an die Prophetenbüsten des Ulmer Chorgestühls erinnern, an die Meisterwerke Syrlin d. Ä., um eine zeitstilistische Parallele zu nennen“ (J. A. Schmoll gen. Eisenwerth).

Der Typus der Halbfigurenbüste wurde besonders durch die Nachfolger des Nikolaus Gerhaert, der in Trier und am Oberrhein gearbeitet hat, verbreitet (Conrad und Hans Syfer , Niclas Hagnower u.a.). Aus dem Straßburger Kreis der nachgerhaertschen Skulptur stehen der „Mann an der Sonnenuhr“ im Straßburger Münster (1493) und Figuren der „Wurzel Jesse“ im Wormser Dom (1488), beide von Conrad Syfer (Seyfer), dem Lebacher Propheten am nächsten.

(Dr. Christof Trepesch, in: Die Alte Sammlung, Saarland Museum, 1995)

 

 

Begleitende Lyrik

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Zu Rilkes Hauptwerk seiner mittleren Schaffensphase zählt die aus zwei Teilen bestehende Sammlung der „Neuen Gedichte“. Die Gedichte des ersten Bandes entstanden zwischen 1902 (Der Panther) bis 1907 in Paris und Meudon (einige wenige auf Capri), die Sammlung der „Neuen Gedichte anderer Teil“ entstand zwischen Juli 1907 und August 1908, vornehmlich in Paris verfasst. Bereits im November 1908 erschienen die „Neuen Gedichte anderer Teil“ im Leipziger Insel-Verlag.

Rilke widmete diesen Band dem Bildhauer Auguste Rodin: „A mon grand Ami Auguste Rodin“ lautet die Widmung – obwohl Rodin und Rilke seit Mai 1906 (Rodin hatte Rilke als Sekretär entlassen) keine freundschaftliche Verbindung mehr pflegten.

Das Gedicht „Ein Prophet“ entstand vor dem 17. August 1907 in Paris und wurde erstmals in der Zeitschrift „Morgen. Wochenschrift für deutsche Kultur“ (herausgegeben u.a. von Richard Muther, der Rilke 1902 beauftragt hatte eine Monografie über Rodin zu verfassen) am 5. Juni 1908 abgedruckt.

 

Ein Prophet

Ausgedehnt von riesigen Gesichten,
hell vom Feuerschein aus dem Verlauf
der Gerichte, die ihn nie vernichten, -
sind die Augen, schauend unter dichten
Brauen. Und in seinem Innern richten
sich schon wieder Worte auf,

nicht die seinen (denn was wären seine
und wie schonend waren sie vertan)
andre, harte: Eisenstücke, Steine,
die er schmelzen muß wie ein Vulkan,

um sie in dem Ausbruch seines Mundes
auszuwerfen, welcher flucht und flucht;
während seine Stirne, wie des Hundes
Stirne, das zu tragen sucht,

was der Herr von seiner Stirne nimmt:
Dieser, Dieser, den sie alle fänden,
folgten sie den großen Zeigehänden,
die Ihn weisen wie Er ist: ergrimmt.