Otto Dix (1891-1969)

Judenfriedhof in Randegg im Winter mit Hohenstoffeln, 1935
Gemälde
Moderne Galerie

 

Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 richtete sich der Hass der Nationalsozialisten auch gegen Otto Dix, der seit 1927 Professor an der Kunstakademie in Dresden war. „Das vorgesetzte Ministerium formulierte die fristlose Entlassung aus dem Lehramte mit der Begründung, dass sich unter seinen Bildern solche befinden, die das sittliche Gefühl des deutschen Volkes aufs schwerste verletzten und andere, die geeignet sind, den Wehrwillen des deutschen Volkes zu beeinträchtigen.“

 

Dix – im April entlassen – blieb bis in den Sommer 1933 in Dresden, dann zog er nach Randegg bei Singen in das Schloss, das dem ehemaligen Mann seiner Frau, Dr. Hans Koch, gehörte. […]

1934 verschärfte ein Ausstellungsverbot die finanzielle Situation zusätzlich. Im Hegau malte Dix eine Reihe von Landschaften, in denen er an die altdeutsche Malerei, die Maler der Donauschule, den frühen Cranach, Altdorfer und Huber anschloss. Retrospektiv bemerkte Dix zu diesen Gemälden: „Landschaften habe ich in der Nazizeit massenhaft gemalt. Hier war ja weiter nichts. Also raus in die Landschaft und Bäume gezeichnet, paar Bäume – so Sachen. Ich bin verbannt worden in die Landschaft.“ Doch so sehr auch die menschenleeren Landschaften der dreißiger Jahre eine Abkehr von den Zeitereignissen vermuten lassen, so ergibt sich bei näherem Hinsehen, dass Landschaft hier nicht als beruhigender Fluchtraum in einer bedrohlichen Zeit aufgefasst wird, sondern dass in ihnen – kaum verborgen – zeitgeschichtliche Kommentare enthalten sind, die bezeugen, dass Dix auch in dieser Zeit den Menschen nahe blieb.

 

Totenstarr liegt die Hegau-Landschaft bei Randegg unter einer Schneedecke, auf die ein schneegrauer Himmel niederdrückt, durch den kaum Licht dringt. Abseits, verlassen, vergessen liegt an einem Hügel der jüdische Friedhof, zu dem weder Wege noch Spuren führen. Besucher haben ihn offensichtlich seit langem nicht mehr aufgesucht. Nichts Lebendiges belebt die Landschaft.

 

Dix malte den jüdischen Friedhof 1935, dem Jahr der rassistischen Nürnberger Gesetze, die am 15. September während des Reichsparteitages verkündet wurden, die jüdische Bürger ausgrenzten und ihnen ihre Bürgerrechte nahmen.

Als Künstler selbst isoliert und in seiner Existenz gefährdet, kommentiert Dix in seiner Landschaft die zunehmende Diskriminierung der Juden in Deutschland, die gleich nach dem 30. Januar 1935 einsetzte und in grausamer Konsequenz zum Holocaust führte.

Sein Gemälde des jüdischen Friedhofs in Randegg beschwört – in der Art altdeutscher Malerei angelegt – die Vergangenheit und verbindet sie mit dem Entsetzen über die Gegenwart. Dix‘ Winterlandschaft enthält eine äußerst pessimistische Sicht der deutschen Zustände in den dreißiger Jahren.

(Ernst-Gerhard Güse, in: Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Saarland Museum Saarbrücken, 1999)

Das Gemälde "Judenfriedhof in Randegg im Winter mit Hohenstoffeln" ersteigerte Direktor Dr. Rudolf Bornschein bei der 18. Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts (24. bis 26. November 1953) gemeinsam mit weiteren bedeutenden Werken, die heute zum Bestand des Saarlandmuseums gehören (u.a. Max Liebermanns "Kirchgang bei Laren", Max Pechsteins "Aufgehende Sonne", Alfred Sisleys "Der Maler Monet im Wald von Fontainebleau").

 

Begleitende Lyrik

Theodor Fontane (1819-1898)

Der 1819 in Neuruppin geborene Theodor Fontane, der neben Wilhelm Raabe und Theodor Storm zu den bedeutenden Vertretern des poetischen Realismus in Deutschland zählt, ist vor allem durch seine Romane „Effi Briest“ (1896) und „Der Stechlin“ (1898) sowie durch seine ab 1862 herausgegebenen Reiseberichte mit dem Titel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ einem breiten Publikum bekannt geworden. (Vgl. hierzu auch die biografischen Angaben in Kunstquarantäne Nr. 41).

 

Erst 1998 zum 100. Todestag Fontanes beschäftigte sich die Fontaneforschung auch intensiv mit der Frage, ob er Antisemit gewesen sei und ob er „verbreitete Feindbilder“ unreflektiert aufgenommen und weiter kommuniziert habe. Öffentliche Diskussionen zur „Judenfrage“ von Fontane sind indes zwar nicht erhalten und seine Schrift „Die Juden in unserer Gesellschaft“ blieb unvollendet, dennoch wird die künftige Forschung diese Aspekte weiter in den Blick nehmen müssen.

 

Ungeachtet der zukünftigen Forschungsergebnisse begleitet Fontanes Gedicht „Alles still!“ das Gemälde von Otto Dix, das in der „inneren Emigration“ entstanden ist und den „Jüdischen Friedhof in Randegg“ zum Bildinhalt hat.

 

Das Gedicht „Alles still!“ erschien 1851 in Fontantes Sammelband „Gedichte“ im Carl Reimarus Verlag W. Ernst in Berlin und ist vom Verfasser „seinem Freunde Bernhard von Lepel gewidmet“ (wie in der Folge auch der 1860 von Fontane verfasste Bericht über seine Schottlandreise mit dem Titel „Jenseits des Tweed“, Bernhard von Lepel gewidmet war).

 

 

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen

Mondenstrahl in Wald und Flur,

Und darüber thront das Schweigen

Und der Winterhimmel nur.

 

Alles still! Vergeblich lauschet

Man der Krähe heisrem Schrei.

Keiner Fichte Wipfel rauschet,

Und kein Bächlein summt vorbei.

 

Alles still! Die Dorfeshütten

Sind wie Gräber anzusehn,

Die, von Schnee bedeckt, inmitten

Eines weiten Friedhofs stehn.

 

Alles still! Nichts hör ich klopfen

Als mein Herze durch die Nacht –

Heiße Tränen niedertropfen

Auf die kalte Winterpracht.