James Ensor (1860-1940)

Anbetung der Könige, 1913
Farblithografie
Grafische Sammlung

 

James Ensor (geb. 1860 in Ostende/Belgien, gest. 1940 ebenda) ist sicher kein religiöser Mensch gewesen. Dennoch findet in 38 von den 52 Blättern Ensors in der Sammlung des Saarlandmuseums eine motivische Auseinandersetzung mit christlich-religiösen Themen statt und in 35 von diesen Fällen befasst der Künstler sich mit dem Leben Jesu.

James Ensor sah das Leben Jesu als ein Gleichnis, als einen Parameter für seine eigene Identität als Künstler und zur Beurteilung der Welt in kultureller, politischer und sozialer Hinsicht. Er gab seinen Jesus-Figuren immer wieder Gesichtszüge, die an seine eigenen erinnern, und in einem Fall bezeichnet ein Schriftzug den Gekreuzigten als „ENSOR“.

Wenn ein Künstler dies tut, dann arbeitet er nicht im Dienste der Religion, sondern an seiner eigenen Legende. Immer und immer wieder betont Ensor in seinen Jesus-Motiven das grenzenlose Unverständnis, das dem Erlöser entgegengebracht, die bodenlose Ungerechtigkeit, die ihm seitens der weltlichen Mächte zu Teil wurde. Ensor hebt die Schmerzen hervor, die Jesus für seine Mission auf Erden in Kauf genommen hat. Auch in seinen Bildern schafft Jesus, unbeirrt von allen Qualen und Gemeinheiten, das Unfassbare, nämlich den Tod zu überwinden. Dazu aber musste er sterben. In den Mythen, die die Kunst betreffen, taucht über die Jahrhunderte hinweg immer wieder der Topos auf, dass das Leben kurz, die Kunst aber ewig sei. Selbstverständlich schlummern auch in dieser Spruchweisheit der Wunsch und die Überzeugung, dass der Künstler durch die Kunst weiterlebe. James Ensor hat diese Hoffnung sogar in Worten formuliert: „Ich möchte weiterleben, noch lange zu den Menschen von morgen sprechen. Ich denke an haltbares Kupfer, unveränderliche Druckfarben, an eine einfache Möglichkeit der Vervielfältigung – ich entscheide mich für die Radierung als Ausdrucksmittel.“

In diesen Worten wird auch deutlich, warum er sich 1886 mit einem Male der Druckgrafik widmet und die Malerei von nun an nicht mehr im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Ensor geht davon aus, dass die Radierung ein geeignetes Mittel sei, sein „Weiterleben“ – und das impliziert das Leben nach seinem Tode – zu befördern.

Die in der grafischen Sammlung des Saarlandmuseums befindlichen „Szenen aus dem Leben Christi“ entstanden 1912/1921 und umfassen eine Folge von 31 Farblithografien und einem Frontispiz. Sie wurden 1927 für das Saarlandmuseum erworben.

Das zweite Blatt der Farblithografie-Folge stellt die „Anbetung der Könige“ (Abbildung) dar und hat die Maße 17,6 x 23,5 cm (Blatt), 15,5 x 21 cm (Darstellung), signiert und datiert in der Platte links unten mit „Ensor 1913“.

Die lithografisch reproduzierten Zeichnungen unterscheiden sich im Charakter von den Radierungen schon allein in dem kräftigen, breiten Strich. Auch die Linien werden immer häufiger durchgezogen und nicht mehr unterbrochen […].

Die Drucktechnik der Lithografie vermag besonders diese weichen, zeichnerischen Materialien wie Kreiden und Buntstifte bestens im Druckbild ohne ästhetische Verluste zu vermitteln.

Inhaltlich folgt Ensor der Geschichte des Neuen Testaments konsequent. Aber in Bezug auf die kreative Verarbeitung der Themen in Bildmotive hat der Künstler an provokativer Schärfe offenbar nichts eingebüst. Die Schockwirkung seiner Bilder wird noch gesteigert, indem seine Motive von Harmlosigkeit zu religiöser Respektlosigkeit wechseln […].

(Dr. Roland Augustin, in: James Ensor, Sterben für die Unsterblichkeit, Meisterwerke der Grafik, 2011)

 

Das Motiv "Anbetung der König" geht zurück auf das Matthäusevangelium (Mt 2,1-12):

"Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten: Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land."

(Bei den Katholiken und Protestanten ist das Hochfest der Hl. drei Könige am 6. Januar (Erscheinung des Herrn), bei den orthodoxen Kirchen fällt das Fest mit Weihnachten zusammen und zwar am 25. Dezember des julianischen Kalenders).

 

 

Begleitende Lyrik

Eduard Mörike (1804-1875)

Eduard Mörike, geboren 1804 in Ludwigsburg, absolvierte zunächst von 1826 bis 1834 eine achtjährige Vikariatszeit, danach trat er seine Pfarrstelle an, die er bis 1843 versah. Bereits ab 1828 versuchte er als freier Schriftsteller einer „Damen-Zeitschrift“ zu arbeiten, was er nach kurzer Zeit jedoch wieder aufgab. Noch während seiner Vikariatszeit entstanden einige seiner bekanntesten Werke, wie etwa seine populären Gedichte „Septembermorgen“ (1827) und „Er ist’s“ (1829) oder sein Künstlerroman „Maler Nolten“ (1832).

Mörike wurde damit zu einem der bedeutendsten Vertreter des literarischen Biedermeier in Deutschland. Er starb 1875 in Stuttgart.

Auch Mörikes Gedicht „Die heilige Nacht“ zählt heute zu seinen bekanntesten Dichtungen. Wann es entstand, ist nicht bekannt, denn Mörike hat es interessanterweise nicht in seine Gedichtsammlungen (die 1838, 1848 und 1864 erschienen) aufgenommen. Publiziert wurde „Die heilige Nacht“ erstmals 1863 in „Georg Scherer’s illustrirtem Deutschen Kinderbuch“ (4. Auflage der erstmals 1849 erschienenen Sammlung „Alte und neue Kinderlieder“).

 

 

Die heilige Nacht

Gesegnet sei die heilige Nacht,

die uns das Licht der Welt gebracht!

 

Wohl unterm lieben Himmelszelt

die Hirten lagen auf dem Feld.

 

Ein Engel Gottes, licht und klar,

mit seinem Gruß tritt auf sie dar.

 

Vor Angst sie decken ihr Angesicht,

da spricht der Engel: „Fürcht’t euch nicht!“

 

„Ich verkünd euch große Freud:

Der Heiland ist geboren heut.“

 

Da gehn die Hirten hin in Eil,

zu schaun mit Augen das ewig Heil;

 

zu singen dem süßen Gast Willkomm,

zu bringen ihm ein Lämmlein fromm.

 

Bald kommen auch gezogen fern

die heilgen drei König‘ mit ihrem Stern.

 

Sie knieen vor dem Kindlein hold,

schenken ihm Myrrhen, Weihrauch, Gold.

 

Vom Himmel hoch der Engel Heer

frohlocket: „Gott in der Höh sei Ehr!“